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Neue Alben von Elias Stemeseder und Sebastian Sternal – Zwei Forscher am Klavier

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Der Pianist Elias Stemeseder. Foto: Szymon Hantkiewicz
Der Pianist Elias Stemeseder. Foto: Szymon Hantkiewicz © Szymon Hantkiewicz

„Thelonia“ und „Piano Solo“: Solo-Alben von Elias Stemeseder und Sebastian Sternal.

Klavier-Solo-Aufnahmen bilden im weiten Formenkreis des zeitgenössischen Jazz fast eine eigene Gattung; Posaune oder Schlagwerk kommen zwar auch solo und albenfüllend vor, aber eher als beraunenswerte Ausnahme, während das Klavier mit seinen orchestralen Eigenschaften zum Soloinstrument fast prädestiniert ist.

Gerade diese Qualität des Klaviers allerdings, also das Orchestrale des Instruments, scheint der mit seinen 31 Jahren noch junge, gleichwohl international umtriebige und renommierte Pianist Elias Stemeseder auf seiner Solo-Einspielung zumindest vermeiden zu wollen. Die 15 Stücke auf seinem bündig „Piano Solo“ betitelten Album sind klare kompositorisch-konzeptuelle Statements und offenbaren eine Spielhaltung, die forschend wirkt und darum eher einsam als orchester-gesellig. Stemeseder entwickelt aus thematischen Kürzeln, oft aus beharrlich fordernden, treibenden Tonwiederholungen seine Improvisationen, die eher nach durchdenkender Verknüpfungsarbeit klingen als nach ausschweifend schwelgender Beweglichkeit.

An Material und Ideenfülle herrscht kein Mangel, im Gegenteil, aber er lässt jeglichen Drang vermissen, mit sportlichem Exhibitionismus alles, was ihm zur Verfügung steht, zu präsentieren. Stattdessen sind ihm über weite Strecken ein hohes Maß an Disziplin. Genauigkeit und Konzentration wichtiger als Fülle, und zur Strukturierung seines Spiels braucht er keine durchlaufenden Grooves.

Die Alben

Elias Stemeseder: Piano Solo. Intakt Records / Harmonia Mundi.

Sebastian Sternal: Thelonia. Traumton Records / Indigo.

Die Tempi werden manchmal schroff variiert und gehorchen dem Augenblick. Alles folgt einer musikalischen Logik, die im Material selbst ihre Quellen hat, nicht in irgend einer Konvention, und die mit einem profunden Sinn für produktive Gegensätzlichkeit daherkommt.

Sebastian Sternals Solo-Album „Thelonia“ – ja, Thelonious Monk kann bei diesem Titel eine Rolle gespielt haben – behandelt das Klavier ebenfalls wie ein Forschungs-Instrument, allerdings mit deutlich stärkeren Erinnerungen an diverse Formen des Zusammenspielens. Wenn man hier aber einfach auf die Jazz-Tradition und den Band-Kontext verwiese, wäre das zu einfach. Sternals Flügel steht mit einem Bein immer in einer kammermusikalischen Region. Sein Mikrokosmos dreht sich also, im Vergleich zu Stemeseder, in eine geradezu gegenüberliegende Richtung. Die 18 Stücke des Albums weisen ein weites Spektrum an klanglichen und stilistischen Charakteren auf. Sternal, der an der Universität Mainz lehrt, verfügt über variable Ausdrucksweisen, die in ihrer emotionalen Ausstrahlung einen Hauch geläufiger – nicht gefälliger – und eine Spur weniger introvertiert wirken.

Raumgreifende Fantasie

Beiden gemeinsam jedoch ist die kompositorische Konsequenz, mit der sie arbeiten, sowie die raumgreifende Fantasie und die formale Vielfalt ihrer Improvisationen. Beide gewähren in je einem einzigen ihrer Solo-Stücke selbstreferentielle Einblicke in mentale Einflüsse. Stemeseder tut das in „foeggslia’l“, einem brillanten und zugleich lässigen Versuch, der Volksmusik zu entkommen, Sternal in Gershwins „Embracable You“, der Rückübersetzung eines jazzorchestralen Konzepts in einen solistischen Raum. Beide demonstrieren gerade auch in diesen Stücken und vor diesen Hintergründen beeindruckende persönliche und stilistische Eigenständigkeiten.

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