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Neoangin „Uncleared Sample of Reality“: Mit Epen hält er sich nicht auf

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Von: Christina Mohr

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Jim Avignon. Foto: Jim Avignon
Jim Avignon. © Jim Avignon

Eine bunte, üppige Platte von Jim Avignon alias Neoangin.

Zu den schönsten Online-statt-in-echt-Veranstaltungen, die man während bleierner Lockdown-Zeiten „besuchen“ konnte, gehörten Jim Avignons Dienstagsmaler. Der Aufwand war denkbar niedrigschwellig: Der Berliner Künstler ging auf Facebook eine Stunde live und zeichnete ein Sprich- oder geflügeltes Wort nach dem anderen auf einen Block. Die am Rechner ratenden Follower schrieben in die Kommentare, was sie glaubten, erkannt zu haben, Avignons Familie wertete aus. Der oder die jeweils Erste bekam das gewonnene Werk per Post zugeschickt, auf Wunsch auch koloriert.

Zum Schluss der Veranstaltung sang Avignon in seinem Wohnzimmer noch ein Lied, die Katze lief durchs Bild, tschüss und gute Nacht.

Kunst, die so wenig hierarchisches Gewese um sich macht, wird in Frankreich L’art modeste genannt, bescheidene Kunst. Bescheiden in dem Sinne, dass alle Menschen die Werke verstehen und schätzen können, ungeachtet der Geldbeutel oder Schulabschlüsse. Jim Avignons Ansatz war schon immer modeste und kaum konform mit dem Kunst-Establishment: In den frühen Neunzigern bemalte er Technoclubwände und die tanzenden Gäste gleich mit dazu, und heute, als längst weltberühmter Künstler, stellt er sich tagelang in einen Steiger, um eine Berliner Hochhauswand in seinem charakteristischen Stil zu gestalten.

4,5 Bilder pro Tag

Zu Avignons Ansatz gehört auch, dass eine Kunstform und ein Name nicht genug sind: Neben seinem überbordenden zeichnerischen Oeuvre (Output nach eigener Aussage: Ca. 4,5 Bilder pro Tag) bringt er als „Ein-Mann-Heimelektronikband“ Neoangin Alben mit Songs heraus, die die musikalische Entsprechung seiner Bilder sind: Der erste Eindruck ist bunt und lustig, bei näherem Hinsehen respektive -hören offenbaren sich Kapitalismus- und Gesellschaftskritik und eine zarte Melancholie.

Neoangins neueste Veröffentlichung heißt „Uncleared Sample Of Reality“ und entstand Anfang 2022 – coronabedingt ohne Studiogäste und Produzent. Der Titel ist mehrdeutig, spielt einerseits auf die vielen eingearbeiteten Sound- und Wortschnipsel an, aber auch auf Covid und seine sozialen, wirtschaftlichen und mentalen Begleiterscheinungen, die in den sechzehn Stücken (auch auf Platte herrscht Üppigkeit) spürbar sind.

Man erkennt sich und die während der Coronajahre etablierten Verhaltensweisen leicht wieder in Tracks wie „Selfie on the Bridge“ und „Melancholic Workaholic“, hadert in „Yesterday’s Plans“ mit aufgeschobenen und nicht wiederholbaren Aktivitäten und legt bei „Here Comes the Bad News“ die Zeitung am liebsten gleich wieder weg.

Doch es wäre nicht Avignon/Neoangin, wenn sich aus unguten Bedingungen nicht doch etwas Positives machen ließe. Musikalisch auf sich allein gestellt, kehrte „Der Künstler mit dem Hut“ zum frühen Sound von Neoangin zurück: Es entstanden Songskizzen ohne jegliche stilistische Einschränkungen, vom groovy Discobeat des Openers „Yes But No“ über an The Cure erinnernden Wavesound oder Drum’n’Bass und nostalgischen Barjazz sind es immer nur wenige Schritte bzw. Minuten, denn mit langen Epen hält sich Neoangin nicht auf.

Lieber noch ein Stück mit fiepender Orgel über „Berlin In the Nineties“ draufpacken, das durchaus als autobiographische Erinnerung des Künstlers gehört werden kann: „Everything was cool as long as it was new / I still love you“. Es passt zu Avignons DIY-Ethos, dass „Uncleared Sample Of Reality“ nicht auf einem Label erscheint, sondern nur via bandcamp und in ausgewählten Plattenläden erhältlich sein wird.

Liveauftritt: Am 3. September im Ono2, Walter-Kolb-Straße 16, Frankfurt-Sachsenhausen.

Neoangin: Uncleared Sample Of Reality. Digital auf Bandcamp & als Vinyl.

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