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Stur und knorrig: Neil Young 2016 beim Festival in Roskilde.

"The Visitor"

Neil Young stellt neues Album vor

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Aber es kommt immer noch was nach, jetzt auch das 39. Studioalbum von Neil Young.

Die Zeit, da man voller Vorfreude auf ein neues Album von Neil Young warten durfte, ist schon eine Weile vorbei. Jetzt ist das eher wie bei einem Buch von Martin Walser. Es kommt immer noch was nach, obwohl schon alles gesagt ist. Laut offizieller Zählung ist „The Visitor“ das 39. Studioalbum von Neil Young, und man hat das Gefühl, dass die Hälfte davon in den letzten zehn Jahren erschienen ist. Wenig davon war wirklich zwingend. Dem Mann, der gerade 72 geworden ist, fehlt so etwas wie ein Lektor, eine Instanz, die seine Arbeit kritisch begleitet, einer, der auch mal sagt: Neil, lass es liegen. Ein solches Korrektiv war für ihn der Produzent David Briggs, der 1995 an Lungenkrebs gestorben ist.

Auch unter dessen Ägide hat Neil Young zweifelhafte Platten wie etwa „Trans“ oder „Life“ herausgebracht, aber sie folgten doch immer einer Idee. „The Visitor“ folgt, musikalisch betrachtet, ungefähr zehn Ideen. Es gibt auf dem Album zehn Songs, die allesamt wie Skizzen vergangener und zukünftiger Songs klingen. Es sind durchaus interessante Studien dabei, aber nichts passt zusammen, nichts fügt sich zu einem Werk.

Es geht los mit „Already Great“, einem Stück Rumpelrock, wie ihn Neil Young immer aus den Saiten zieht, wenn ihn thematisch was drückt und die Form der Vermittlung hinter dem Anliegen zurücksteht. Das war beim Ökoalbum „Greendale“ so wie auch wie bei der Biodieselperformance „Fork In The Road“ – und auch auf der LP „The Monsanto Years“, mit der er gegen die Politik des agrarisch-chemischen Komplexes antrat, kam Young mit schlichten Mitteln aus.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, sein Einsatz gegen die menschliche Zerstörungswut und für die Erhaltung der Natur verdient jeden Respekt. Er bringt ja nicht nur am laufenden Band Protestplatten raus, sondern reiht sich auch bei den Demonstranten an den Pipelines im Indianerland ein. Er tut was.

Die Titelzeile „Already Great“ (Bereits groß) richtet sich natürlich gegen Donald Trumps vergangenheitstrunkenen Wahlkampfslogan „Make America Great Again“, und man wundert sich bei seinem Tempo nur, warum er für eine Replik so lange gebraucht hat: „I’m Canadian, by the way, and I love the USA“, singt er jetzt. Ich bin Kanadier, nebenbei gesagt, und ich liebe die USA. Ich liebe diese Art zu leben und die Freiheit der Rede. Und im Refrain bellen sie, muss man schon sagen: „No wall! No hate! No fascist USA!“ Woody Guthrie hatte 1941 die Worte „This Machine Kills Fascists“ auf seine Wandergitarre gepinselt. Für Young wiederholt sich Geschichte.

Begleitet wird er auf dem Album wie bei seinen Konzerten von der Band Promise Of The Real, in der die Söhne von Willie Nelson nicht den Ton angeben, das besorgt schon der Chef. Was live toll funktioniert, wirkt auf der Platte oft bemüht. Eine Art Groove ist erst bei dem dann eben doch wieder sehr schönen Lied „Change of Heart“ zu spüren, mit dem Young zu einem hüpfenden Country-Rhythmus sogar so etwas wie seine Altersstimme vorstellt, kein Fisteln mehr, eher ein Flüstern. In „Carnival“ probiert er es mit Latin-Motiven, und „Diggin’ a Hole“ ist der pure Blues.

Eine reine Bluesplatte gab es von ihm auch noch nicht. Allein diese drei originellen Stücke im Mittelteil öffnen den Raum für noch mindestens drei weitere Alben.

Neil Young: The Visitor. Warner.

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