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Seit einem halben Jahrhundert präsent, soeben hat Neil Young eine Europa-Tour begonnen.

Rock

Neil Young auf Tour – Rost schläft nicht

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Aus Erfahrung gut: Der 73-jährige Kanadier Neil Young gastiert in der Berliner Waldbühne.

Man ist ja mittlerweile daran gewöhnt, dass Rockkonzerte der gehobenen Preisklasse pünktlich auf die Minute anfangen. In unserem durchgetakteten Alltag geht das gar nicht anders. Alles just in time, jede Sekunde ist kostbar. Als am Mittwochabend zehn nach halb acht, also zwanzig Minuten vor dem annoncierten Konzertbeginn, ein paar Musiker auf das Podium der Waldbühne schlurfen und einfach schon mal zu spielen beginnen, wirkt das Ordnungspersonal einen Moment lang irritiert. Das wird noch nicht Neil Young sein, der Steward mit der Nummer 0858 schüttelt den Kopf. „Doch, das ist er!“, brüllt ihm seine Kollegin ins Ohr. Man kann die Worte auf ihren Lippen ablesen.

Die Frau kennt sich aus, er ist es wirklich. Das Stück „Country Home“ vom drei Jahrzehnte alten Album „Ragged Glory“, mit dem Neil Young sein zweistündiges Programm fast ein wenig zu beiläufig eröffnet, sollte symptomatisch für diesen Abend sein. Es sind einige Songs aus der zweiten Reihe seines Repertoires zu hören, selten gespielt, was die einen glücklich macht und andere etwas ratlos zurücklässt. Aber ein paar Hits („Helpless“, „Old Man“, „Heart Of Gold“) gibt es natürlich auch, so dass am Ende alle gut bedient sind.

Neil Young: Der Never Ending Song

Im Grunde genommen kann man von Neil Young gar nicht enttäuscht werden, seine Auftritte, ganz egal mit welcher Band er spielt, wirken über all die Jahre wie ein unheimlicher Mahlstrom, der einen immer wieder hineinzieht in seine bipolare Welt aus pastoraler Empfindsamkeit und brachialem Gitarrenrock, der sich phasenweise auch für eine gewisse Stupidität nicht zu schade ist. In den genialischen Phasen erwächst aus der Simplizität der musikalischen Motive etwas Tranceartiges, hier bei dem zirka zwanzigminütigen „Love and Only Love“, das nach einer sehr langen Einstimmungszeit mit einer Kollektivimprovisation über einem Groove endet, bei der zum Schluss die drei mitteljungen Gitarristen der Begleitband auf der Stelle hüpfen und der alte Mann ihnen gegenüber, rein rechnerisch 73, mit gebeugtem Rücken im Feedback versinkt.

„It’s all one song“ hat Neil Young einmal sein Werk charakterisiert. Wenn es von Bob Dylan heißt, er befinde sich auf einer Never Ending Tour, dann ist es bei Neil Young ein Never Ending Song. In der nächsten Woche werden beide gemeinsam im Londoner Hyde Park gastieren. Ohne den Sponsor Barclay Bank. Weil das Unternehmen in fossile Energien investiert und das umweltschädliche Fracking finanziert, hatte Young sich als Naturschutzaktivist geweigert, unter dem schmutzigen Logo aufzutreten. Der Veranstalter gab nach. Es ist alles eine Frage der Sturheit.

Neil Young war irgendwie immer da

Im Vergleich zum Vorabend auf den Dresdener Elbwiesen hat Neil Young seine Titelauswahl gleich im Dutzend verändert. Statt „Cortez the Killer“ spielt er „Danger Bird“, statt „Powderfinger“ ist „Hey Hey, My My“ zu hören, das die Leute erstmals von den Sitzbänken hebt. Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt sind alle unter der Losung „Rock and roll can never die“ versammelt. Ob der Rock’n’Roll tatsächlich unsterblich ist, kann keiner wissen, aber heute und hier wollen wir dran glauben. Das dazugehörige Album heißt „Rust Never Sleeps“, Rost schläft nicht und er frisst sich an jedem Tag weiter ins Leben hinein. Umso wichtiger ist es, ab und zu mal mit der Drahtbürste drüberzugehen. Young schmirgelt seit einem halben Jahrhundert. Sein erstes Soloalbum erschien 1968. Er gehört zu den vielen, die immer da waren und zu den wenigen, die noch da sind. In den sechs Monaten seit Jahresbeginn war er in drei verschiedenen Formationen auf Tournee, erst mit seiner alten Band Crazy Horse, dann mit den jungen Promise Of The Real, die ihn auch in Berlin begleiten, und in ein paar Wochen solo. Zwischendurch hat er dann noch ein neues Album aufgenommen, das im Herbst erscheinen soll.

Die Gedanken können schon mal abschweifen, wenn ein Stück im stoisch pulsierenden Sound zerbröselt. Nicht alle seine Gitarrenausflüge finden den Weg nach Hause. Aber dann ist es ausgerechnet ein Gassenhauer wie „Rockin’ In the Free World“, der die Stimmung wieder hochreißt. Das ist nicht die originellste Komposition aus seinem Kanon, doch in der Darbietung dieses Abends kann und will man sich ihrem hymnischen Furor nicht entziehen. Vier Mal steuert das Stück auf ein Ende zu, um immer von Neuem aufzutrumpfen. Beim großen Finale sind alle Saiten von Youngs Gitarre gerissen, die er dann zur Gehhilfe umwidmet.

Besser kann es nicht werden, der gebatikte Synthesizer wird nicht vom Bühnenhimmel abgeseilt. Diesmal kein „Like a Hurricane“, was nicht so schlimm ist. Stattdessen gibt es das rumpelige „Roll Another Number“ als Zugabe und als Rausschmeißer „Piece of Crap“. Als das Konzert nach zwei Stunden vorbei ist, scheint am Horizont noch die Sonne.

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