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Auf ihn läuft alles hinaus: Nikolaus Harnoncourt.

Teldec-Reihe

Naturdarm und Faustkeil

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50 aus 50: Zum Jubiläum der Teldec-Reihe "Das Alte Werk" dürfen einige Aufnahmen wieder auferstehen.

Das Alter hat es schwer auf dem schnellen Markt der Musik. Jung müssen die Geigerinnen sein und faltenlos, ihre CDs müssen sofort an die Bestseller-Spitze, man ist schließlich nicht im Weinhandel, wo man den Keller auch mal auf Zuwachs bestückt. Für eine CD-Reihe, die das Alte bereits im Namen führt, ist die Zeit deshalb auch längst vorbei. "Das Alte Werk"war einmal eine höchst verdienstvolle Serie der Firma Teldec, für alte Musik zwar, aber in Interpretationen, die für ihre Hörer damals neu, frisch und ungemein unkonventionell waren. Nicht selten hieß dort das Zauberwort "Harnoncourt": Der Dirigent hatte hier für Dekaden seine produktive Heimat.

Im Strudel der Klassikkrise

"Das Alte Werk" verschwand dann aber, so wie die gesamte Klassik-Produktion des Teldec-Aufkäufers Warner beinahe untergegangen wäre. Spätestens seit dem Jahrtausendwechsel, im Strudel der branchenweiten Klassikkrise, setzte bei Warner ein kräftiges Ritardando ein, 2006 machte gar die - später dementierte - Meldung, Warner Classics werde faktisch aufgelöst, die Runde. Die wertvollsten Köpfe der Alten Musik hatten da ohnehin längst resigniert: Concerto Köln war zum Ur-Label Capriccio zurückgekehrt, Andreas Staier und Il Giardino Armonico waren vor die Tür gesetzt worden, und Nikolaus Harnoncourt hatte das Tuch mit der Geschäftführung 2002 zerschnitten, angeblich, weil dort niemand sich für seinen Bruckner interessieren wollte.

Doch jetzt scheint alles vergessen, die Alten und Ehemaligen werden wieder gefeiert. Warner hat das Jubiläum "50 Jahre Das Alte Werk" ausgerufen. Das Archiv wurde in diesem halben Jahrhundert schließlich gut gefüllt, und tote Reihen können auf dem zweiten Markt bestens zu neuem Leben erwachen. Ein halbes Hundert 50-Jahres-CDs werden wieder aufgelegt, 30 davon sind bereits erschienen. Die Cover-Bilder hängen in der Relaunch-Edition zwar schief in ihren Rahmen, doch passt das ja gut ins Bild. Schließlich feiert man, was man zuvor hat kümmerlich eingehen lassen.

1958 war das "Alte Werk" auf dem Markt erschienen, mit Machaut-Motetten, bald folgten Bach-Kantaten von Karl Richter, die nun im Relaunch das zeitlich entfernteste Echo aus jener Aufbruchszeit ist. Diese Reihe selbst übrigens war zunächst eine Reaktion auf ein Konkurrenzkonzept der Deutschen Grammophon.

Jetzt holt uns die Geschichte ein

Deren Archiv-Produktion war schon elf Jahre früher gestartet, Helmut Walcha hatte 1947 an der Kleinen Orgel zu St. Jakobi in Lübeck die erste Platte aufgenommen. In ihren Anfangsjahren waren die Archiv-Produktionen äußerst trockene Angelegenheiten, Musik und Optik hatten den spröden Charme von Karteikarten. Dass Alte Musik überhaupt jene exponenziell zunehmende Popularität bekommen konnte, lag dann doch an Teldecs Kanon: Ihre Interpreten waren eine knappe Generation jünger, visionärer, kompromissloser als die Archiv-Künstler der ersten drei Jahrzehnte.

"Das Alte Werk" ist also zurück, die Geschichte holt uns ein. Denn im Streit um die Musizierweise barocker Werke mussten nicht nur Pioniere wie Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt sich manche Tiefschläge gefallen lassen, sondern auch Musikhörer, die den Eid aufs Authentische abgelegt hatten. Das triumphierende Grinsen des Gegenübers, der Harnoncourts erste "Brandenburgische Konzerte" von 1964 auflegte und nicht lang zu warten brauchte, bis der Kopf vor Scham auf die Brust sank: Dieses Naturhorn! Es klang einfach scheußlich. Wie sollte man da noch argumentieren?

Allzu viele Aufnahmen dieser kantigen Harnoncourtschen Basisarbeit haben es jetzt auch nicht in die Jubiläums-Auflage geschafft. Bachs "Brandenburgische" zum Beispiel sind vertreten in der 1997-Einspielung durch die Edel-Italiener von Il Giardino Armonico. Kaum ein Ensemble steht so sehr für den Ästhetik-Wechsel, den die Aufführungspraxis Alter Musik im Laufe der letzten 50 Jahre durchgemacht hat. Harnoncourts Revolutionäre der frühen 60er plagten sich noch mit dem alten Material, strichen den Darm in mitunter beklemmend eintönigen Art - bei allem Respekt und aller Dankbarkeit für ihr Tun, nicht dass da Missverständnisse aufkommen! Doch mit der smarten, vom Harnoncourt-Jünger Luca Pianca mitgegründeten, stets auch auf Styling bedachten Mailänder Truppe war der Umgang mit den alten Instrumenten auf einem spieltechnischen Niveau angekommen, auf dem jedes Haupt stolz erhoben bleiben konnte, egal ob Blockflöten oder Naturhörner ihren Einsatz hatten.

Hochachtung und Grausen

Das Hören hinein in die Interpretationsgeschichte muss wohl manchmal wehtun. Man lauscht Richters Bach-Kantaten und weiß, wie wichtig dieser einst Extreme unter den Bach-Dirigenten war, aber man hört die endlos ausgehaltenen massigen Orgel- und Cello-Continuo-Töne und leidet. Man möchte Thomas Binkley und seinem "Studio der Frühen Musik" zu Füßen fallen vor Hochachtung, doch dort graust man sich wegen so manchen vokalen Timbres.

Einige frühe Exponate dieser 50 Alt-Werke sind wie Faustkeile, fundamental und urtümlich. Vergessen darf man sie nicht. Anhören besser nur hin und wieder.

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