Jazz im Palmengarten

Nathan Ott: Unorthodoxes in dichten Bögen

  • VonStefan Michalzik
    schließen

Mit Intimität und stetem Elan: Nathan Otts Quartett bei Jazz im Palmengarten.

Zu den hörenswertesten jüngeren, explizit kammermusikalischen Ensembles im europäischen Jazz gehört das Quartett um den in Berlin lebenden Schlagzeuger Nathan Ott. Wobei „jüngere“ nur für drei der Musiker gilt: Das 2016 gegründete Quartett ist besetzt mit Ott, Jahrgang 1989, Sebastian Gille an Tenor- und Sopransaxofon und dem dänischen Bassisten Jonas Westergaard sowie ursprünglich dem New Yorker Saxofonisten Dave Liebman – jenem Musiker, dem der zunächst scheinbar zur klassisch-romantischen Musik und zur Geige bestimmten Ott sein spätes Erweckungserlebnis zum Jazz mit 18 Jahren verdankt. Der einstige Miles-Davis-Sideman und Protagonist der improvisatorischen New Yorker Loftszene ist 75 und nicht mehr so gut beieinander.

Das Prinzip des Musizierens über die Generationen bleibt gewahrt, den Seniorenposten Liebmans hat vor ein paar Jahren der nicht minder hochklassige Frankfurter Saxofonist Christof Lauer eingenommen. In dieser Besetzung spielte das Quartett in der von der Frankfurter Jazzinitiative beschickten sommerlichen Reihe Jazz im Palmengarten.

Frei von Hierarchie

Die Musik, großteils komponiert von Nathan Ott, mal auch von Jonas Westergaard, ist faszinierend unorthodox und zeitgenössisch, dabei durchaus einer Tradition verhaftet. Als eine wichtige jazzhistorische Referenzgröße für die Ästhetik einer hierarchiefreien Verschränkung der Stimmen ist Jimmy Giuffre mit dem bahnbrechenden Album „Tangents in Jazz“ (1955) zu nennen, eine Art Blaupause nicht zuletzt auch für ein Musizieren im Jazz ohne Harmonieinstrument. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt, Stichwort Freiheit von jeder Hierarchie der Stimmen, ist die schon erwähnte New Yorker Loft-Szene, die nach neuen Wegen suchte, inspiriert von den umwälzenden Setzungen der Free-Pioniere.

Zumeist beginnen die Stücke in schemenhaft gedämpfter Intimität, die in ihren Bann zieht, mit sparsamen rhythmischen Akzenten vom Schlagzeug, die frei sind von einem durchgängigen Puls, mit Motivkürzeln der anderen Instrumentalisten und mitunter einem mit dem Bogen gestrichenen Kontrabass.

Dann ziehen sie an

In manchen Fällen streckt sich der dunkle und introspektiv warme Ensembleklang durch ein Stück hindurch mit allenfalls gedämpfter Steigerung, häufiger indes zieht die dynamische Spannung von einem bestimmten Moment weg an. Bei Christof Lauer, der gleich Gille zwischen Tenor- und Sopransaxofon wechselt, kommt eine unforcierte coltranegeprägte spirituelle Expressivität zum Tragen. Gille ist im Großen und Ganzen verhaltener, grüblerischer in der Tongebung. Otts Spiel zeichnet sich hier nun durch einen fein-differenzierten Elan aus, in Momenten gar ist es mild-zupackend, indes nie auftrumpfend.

Alles ist rühmlich klischeefern, eingeschlossen die relativ klassisch bop-swingende Nummer in der Zugabe. Bemerkenswert, wie atmosphärisch dicht die Bögen gespannt werden. Die Messlatte für den Rest der Saison ist früh schon hoch gesetzt.

Mehr zum Thema

Kommentare