Jens Friebe Wiesbaden

„Nackte Angst, zieh dich an ...“

Der wunderbare Musiker und ewige Geheimtipp Jens Friebe ist wieder unterwegs. Selbst seine älteren Lieder sind fast noch besser geworden. Jetzt machte er Station im Schlachthof Wiesbaden.

Von Tim Gorbauch

Noch immer gilt, was vor Jahren einmal ein Kollege in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb: „So schöne Textzeilen wie Jens Friebe haut in Deutschland keiner raus.“ Man kann ganz auf seine Anfänge zurückschauen und sich einen geradezu verdächtig euphorischen Song wie „Lawinenhund“ anhören: „Ich möchte Dir dienen, ich möchte Dir Schnaps geben. Nenn’ mich Lawinenhund, ich suche Leben“.

Oder der Titel seines dritten Albums: „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache Dir ist nichts passiert.“ Und natürlich, ganz aktuell, diese wahnhafte Zeile, Song- und Albumtitel zugleich: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus“.

Als Jens Friebe vor etwas mehr als zehn Jahren sein erstes Album, „Vorher Nachher Bilder“, und dann, nur ein Jahr später, In Hypnose, auf Alfred Hilsbergs legendärem ZickZack-Label veröffentlichte, wurde er als das neue, große Ding gehandelt. Exzellentes Songwriting, die großen Themen besingend, aber irgendwie befreit von jeder offensichtlichen Bedeutungsschwere und trotzdem sehr genau, ein Jongleur und Low-Budget-Hedonist, androgyn und auch der Idee von Disco und Dance, Eurotrash und Dilettantismus nicht abgeneigt. Und doch blieb Friebe bloß der ewige Geheimtipp.

Er kann damit leben, Beinahe-Popstar zu sein

Mit seiner Rolle als Beinahe-Popstar ist er selbst längst im Reinen. Nach Wiesbaden in den Schlachthof, an einem dieser unwirtlichen, verregneten Abende, kommen vielleicht 70, 80 Gäste. Mit dabei hat er Andi Hudl an den Synthesizern und den großartigen, einzigartigen Chris Imler an Schlagzeug und Elektronik, den man völlig zu Recht die graue Eminenz des Berliner Undergrounds nennt.

Friebe selbst, 1975 in Lüdenscheid geboren, seit vielen Jahren in Berlin zu Hause, hat ein ziemlich billiges E-Piano vor sich. Die Gitarre nimmt er nur noch ab und an zur Hand, seitdem ihn die Gitarrenmüdigkeit befallen hat und er sich aus Abscheu vor der „Gitarristenmusik“, wie er sie nennt, immer mehr dem Klavier zugewandt hat.

Ältere Songs, etwa „Du freust dich ja gar nicht“ von 2007, sind deshalb umarrangiert und klingen fast besser, verschrobener und eigensinniger. Wie ohnehin Friebes hybrider Versuch, Glam und Cleverness gleichzeitig zuzulassen, live schon immer besser funktionierte als auf Platte.

Er selbst bleibt auf höflicher Distanz, sein Bühnen-Ich wirkt oft wie eine Kunstfigur, die sich um so olle Begriffe wie Authentizität nicht kümmert und sich genau deshalb so frei bewegen kann.

Weitere Tourdaten: 28.1 Nürnberg, 29.1 Leipzig, 30.1 Potsdam.

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