Das Kapital

Nachtigall und Spottdrossel

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Wie das Trio Das Kapital in Frankfurts Club Voltaire mit den Geschichten und Traditionen französischer Musik spielt.

Es ist eine Annäherung, und Annäherungen sind stets mit Fragen verbunden. Mit dem Ausprobieren von Haltungen und Bewegungsweisen, mit Un- und Missverständnis, überraschenden Eindrücken und Assoziationen. Nicht verwunderlich ist zum Beispiel, wenn einem bei der Annäherung an Erik Saties Gymnopédie No 1 Maurice Ravel einfällt, der immerhin ein guter Bekannter Saties war und dessen Musik aufführte. Und natürlich fällt einem, wenn man sich mit Antoine Renards melancholischem Lied von der Kirschenzeit, „Le temps des cerises“, befasst, die Pariser Commune ein, in deren Folge das Lied Volkslied wurde und den Charakter eines subkutanen Revolutionsliedes annahm, in dem Nachtigall (rossignol) und Spottdrossel (merle moqueur) gemeinsam singen.

Wenn also Daniel Erdmann, Saxophone, Hasse Poulsen, Gitarre, und Edward Perraud, Schlagzeug, die sich als Trio Das Kapital nennen, ein Programm mit dem Titel „Vive la France“ spielen, dann ist das weder nostalgisches noch gar nationalistisches Gedudele. Zumal der Ort der Premiere ihres Programms der Frankfurter Club Voltaire ist. „Vive la France“ ist aufgerauter, melodisch orientierter Dekonstruktivismus, der sich sein Material in der populäreren Musikgeschichte Frankreichs zusammengesucht hat.

Es ist eine Tradition, um die Frankreich seit Menschengedenken in der westlichen Welt beneidet wird. Während in Deutschland vulgäre Mitsing-Schlager die Popmusik prägen, in den USA glamouröser Kommerz regiert, haben die Franzosen das kunstreiche Chanson entwickelt, das auf halber Strecke zwischen Kunstlied und Gassenhauer schillert. Ein Bestand populärer Musik, der viele verschiedene Wege nahelegt.

Daniel Erdmanns Weg führt durch die Jazz-Geschichte des Tenorsaxophons. Man hört verschiedene Bezüge und Einflüsse, vor allem aber einen Sinn für melodische Wärme und eine reibungsreiche Tongebung, die alles Geglättete und Polierte vermeidet und auf Mehrdeutigkeit besteht. Hasse Poulsen verfügt als Gitarrist über ein erstaunliches Ausdrucksspektrum, von leichtgängigem Fingerpicking bis hin zu elektronisch bearbeiteten Klangfärbungen und weiten Melodiebögen, und er arbeitet damit stilsicher und unvorhersehbar. Edward Perraud ist als Schlagwerker vor allem Klangkünstler, der rhythmische Perioden so nebenbei erledigt, dabei sparsam, verfremdend, akzentuiert und spontan zugleich agiert und zwischendurch immer mal ein klanglich und materiell enorm elastisches Becken benutzt.

Das Programm „Vide la France“ wird so zu einem Statement, das sich aus vielen Strömungen und Komponenten zusammensetzt und gerade im Club Voltaire auch daran erinnert, dass vor einem halben Jahrhundert der deutsche Blick nach Frankreich fast unvermeidlich politisch grundiert war und den Mai 68 zum Leitmotiv machte. Es liefert so auch Material für den Blick auf Zeiten, die sich dramatisch und tückisch verändern. Das ist kein Grund, die schönen alten Melodien zu vergessen, sondern ein Anlass, sich ihre komplizierten Geschichten zu vergegenwärtigen. Bemerkenswert, dass Musik dafür Anlässe liefern kann.

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