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Little Richard, Miterfinder des Rock’n’Roll. Der amerikanische Musiker („Tutti Frutti“) starb am 9. Mai im Alter von 87 Jahren. 

Nachruf

Little Richard: Die erste wilde, hohe Stimme

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Zum Tod von Little Richard, der den Rock’n’Roll miterfand und weiße und schwarze Musik zusammenbrachte.

Nichts weniger als dass er Vorreiter des Rock’n’Roll war, reklamierte Little Richard für sich. Tatsächlich hat sein erster Song „Taxi Blues“ 1951 den Blues nur im Namen – ein Swing-Titel, der von Sekunde 45 bis 52 mit einem typischen Rock’n’Roll-Riff aufwartet. Einem der ersten, wenn nicht gar dem allerersten überhaupt. Damals überrascht es. Zeitgenossen treiben sich da noch in anderen Genres herum oder betreten erst später ein Tonstudio. Und im Unterschied zu vielen anderen, fast allen namhaften Vertretern des Rock’n’Roll war Little Richard dunkelhäutig.

Jede Musik, mit der man in die allgemeinen Charts wollte, musste damals aber auch vor einem „weißen“ Publikum bestehen. Dort fand Richard seine allermeisten Fans. Die Beliebtheit von Little Richards Hits war somit auch eine gesellschaftliche Abstimmung gegen die Diskriminierung nach Hautfarbe: „Tutti Frutti“ erreicht mit der lautmalerischen Zeile „a wop bopa loo bop“ einen satten Platz 21 in den Crossover-Charts – der zweite Rock’n’Roll-Hit in den USA, nach Billy Haleys „Rock Around the Clock“, und einer mit weitreichenden Folgen.

Der deutsche Moderator Fritz Egner hörte „Tutti Frutti“ im Programm des amerikanischen Soldatenradios, das Lied entfachte in ihm eine nie endende Liebe zu dieser Art Musik und der Energie, die von ihr ausgeht. Für seine Sendung „Fritz and Hits“, eines der dienstältesten Radioformate, traf er Little Richard in einem Kölner Hotel.

Und erlebte einen klassischen Star. „Get Rich Quick“ heißt einer der frühen Songs des Richard Penniman. Bald ist der ein einflussreicher Künstler, der sich seines Status bewusst ist, Goldringe mit Diamantenbesatz trägt und stolz auf Leistungen blickt – etwa darauf, dass er den noch unbekannten Jimi Hendrix ab Herbst ’64 in seine Band The Upsetters aufnahm. „Little Richard Is Back“ heißt die LP, die zur Tour entsteht und etwa „Crying In the Chapel“, den Elvis-Hit von 1960 enthält – weniger pathetisch, weniger arienartig, und dabei zeigt sich gerade in diesem sanften Stück, welch großartiger, nuancenreicher Sänger Little Richard war. Kehliges Geschrei vernimmt man derweil in „Long Tall Sally“. Das federnde Klavierspiel, das Richard hier sichtlich Spaß macht, trifft auf einen ausgelassenen und stürmischen Saxophon-Part.

Um „Long Tall Sally“ konkurrieren dann in der British Beat Explosion The Kinks und The Beatles. Jeder Kinks-Fan muss anerkennen: Die Beatles-Version überzeugt, denn, wie Beatles-Biograph Mark Hertsgaard meint, der Song brauche eine „rasende, sehr körperliche Stimme“. Und ein mit Hammerschlägen traktiertes Klavier, bei Little Richard Basis für alle seine Hits.

Aufgrund seiner Homosexualität mit der eigenen Familie im Clinch, verlässt der 1932 in Macon, Georgia, geborene Richard mit 14 Elternhaus und Schule, zieht durch die Nachtclubs von Nashville und dann in Tourneen von Vaudeville-Gruppen über die Nachkriegsbühnen. Im Entertainment sieht er wohl seine Zuflucht. Hier kann er Anerkennung finden. Diese wird ihm auch in der Rockmusik immer wieder mal zuteil, jedoch nur phasenweise und nach seinem Empfinden zu selten. Dann werden wieder andere Musikstile modisch, und er muss nachziehen und sich seinen Platz erneut erkämpfen.

Etwa gegen all die englischen Rockgruppen, die einen Hype erleben und die er anfangs nicht ernst nimmt. Von Beatles-Manager Brian Epstein vor dem Durchbruch der Fab Four gefragt, ob er sie in den USA vermarkten könne, er werde dann eine Provision erhalten: Nein, lehnt Little Richard ab. In einem Gespräch mit dem Talkmaster Bill Boggs sagt er Jahrzehnte später, er habe gedacht, die Beatles seien bis auf McCartney zum Scheitern verurteilt.

Dass Soul und Funk Stationen in der Entwicklung seines Sounds sind, daran denkt man im Rückblick kaum. Eher an „Good Golly Miss Molly“ und „Whole Lotta Shakin’ Goin On“. „Ready Teddy“ spielt auf die provozierende Teddy-Boy-Mode an, zu der die Pomadefrisur Little Richards perfekt passte: Samtsakkos, die bis zu den Knien reichen, mit schmal geschnittener Krawatte und hautengen Hosen.

Der wohl spannungsreichste Widerspruch in Little Richards Leben ist seine Identität als Theologe und zugleich Sexsymbol. Von 1957 bis 1961 studiert er bis zum Examen in einem College der Siebenten-Tags-Adventisten. Sie pflegen eine asketische Lebensweise. Er wird in den 70ern als „Minister“ für die Kirche tätig und hält Predigten vor bis zu 20 000 Menschen, wie sein Biograph Charles White notiert.

Die frühe „Funkyness“ seiner Musik macht ihn andererseits zum Idol für James Brown und zur Einflussquelle für Michael Jackson. Nicht nur das, sie mag auch den Hauptanteil daran haben, was das wandelnde Musiklexikon Barry Graves 1989 so formuliert: „Alles, was die Rockmusik heute ist, verdankt sie schwarzen Künstlern aus den US-Südstaaten (…).“ Auch Gospel findet bei Little Richard Unterschlupf, aber je mehr er diesen herausstellt, desto weniger Erfolg hat er.

Erst als Richards Tod sich abzeichnete, als er, der am Samstag im Alter von 87 Jahren starb, nämlich an Knochenkrebs erkrankte, diskutierte seine Heimatstadt Macon über eine Gedenkstatue. Erst mit 80 hatte der Pionier sich aus der Musik zurückgezogen – nach 66 Berufsjahren, die Stoff für zahlreiche Film-Biopics wurden. Immer wieder mischte er sich in die Musikhistorie ein, etwa als Backgroundsänger in U2s Song „When Love Comes To Town“.

Am Ende bleibt er nichts weniger als der Mann, der weiße und schwarze Musik in den USA zusammenbrachte und die Zutaten der „Black Music“ über die Beat-Gruppen nach Europa schwappen ließ. Paul McCartney sagte in einem TV-Interview, das Rolling Stone Ronnie Wood mit ihm führte: „Ich wusste nicht viel über die Geschichte des Blues, anders als Keith und du. (…) Die erste wilde, hohe Stimme, die ich je hörte, war die von Little Richard.“

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