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João Gilberto 2004 in der Carnegie Hall.

João Gilberto

Nachruf auf João Gilberto: Beseelt, beschwingt

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Zum Tod von João Gilberto. Die Legende des Bossa-Nova starb im Alter von 88 Jahren.

Der helle Ton einer Flöte, beinahe tirilierend. Dazu eine Stimme, die von „saudade“ sprach, Weltschmerz. Das erste Stück auf dem Album „Chega de Saudade“, aufgenommen 1958, versprach einen Abschied. Nie mehr Weltschmerz: „Chega de Saudade“ – mit no more blues ist der Vers auch übersetzt worden. Zur verzwickten Situation gehörte, dass Traurigkeit und Melancholie besungen wurden als eine schöne Sache, als verrückte Sache. Hüpfend der Rhythmus, federnd, alles andere als ein fetter Blues. Die Verse forderten nicht, sie stellten Gedanken in den Raum - eine Sehnsucht.

João Gilberto - Er gab dem Bossa Nova den Rhythmus

João Gilberto ist tot. Er starb am Samstag in Rio de Janeiro, nach langer Krankheit, im Alter von 88 Jahren. Als erster großer Bossa-Nova-Hit gilt „Chega de Saudade“, das von Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes geschrieben und von Gilberto interpretiert wurde. Dem Album „Chega de Saudade“ folgte ein Jahr später, 1960, „O amor, o Sorriso e a Flor“, wiederum ein Jahr später konnte ein drittes Album bereits im Titel mit „João Gilberto“ werben; die Trilogie machte den Musiker so populär wie den Bossa Nova auch außerhalb von Brasilien.

Sonne, Strand und eine unbekümmerte Sexualität – was dazu zu sagen war, dauerte selten mehr als 1:55 Minuten. Wahrscheinlich ist das Wohlleben, das besungen wurde, kaum verständlich ohne den brasilianischen Boom. „50 Jahre Fortschritt in fünf Jahren“ war der Wahlkampfslogan, mit dem eine Mitte-Links-Koalition den großen Sprung, wahrhaftig einen Panthersprung in die Zukunft versprach. 

Die Welt nahm Brasilien wahr, auch wegen der Triumphe der Seleção bei den Fußballweltmeisterschaften in Schweden und Chile. Die Welt schaute auf Brasilien jedoch nicht nur wegen der unverschämt souveränen Artisten am Ball, sondern auch wegen des Baus einer neuen Stadt, der Hauptstadt Brasília. Nicht dass es auch hier, auf den Baustellen unbeschwert zugegangen wäre, im Gegenteil, Brasilia wurde unter erbärmlichen und menschenunwürdigen Umständen aus dem Nichts gestampft.

Sein größer Hit: Girl von Ipanema

Das Brasilien der späten 50er und frühen 60er Jahre, von dem es heißt, es seien die „goldenen Jahre“ gewesen, war ein sozial extrem polarisiertes Land. Bilder von den Favelas gingen um die Welt – ebenso wie die von sonnengebräunten Schönheiten an den Stränden von Copacabana oder Ipanema. Schlank und rank, tall and thin, war das „Girl von Ipanema“, einer der coolsten Songs, den Gilberto spielte und den seine Frau Astrud schier unglaublich arglos sang.

Das scheinbar Arglose bizzelte die erotische Erwartung nur auf in einem Lied, das zum Hit wurde, den Gilberto dann mit dem Saxophonisten Stan Getz einspielte, so dass aus dem brasilianischen Ohrwurm ein Welthit wurde. Wenn es heißt, mit seiner Interpretation von „Das Mädchen aus Ipanema“ habe Gilberto die moderne Mischung aus Samba und Jazz auf der ganzen Welt berühmt gemacht, ist das musikhistorisch wohl richtig. Es gäbe Kriterien, die beschwingten Beschreibungen einer Strandschönheit, jung und reizend, heute anders zu beurteilen.

João Gilberto - der intime Erzähler mit der Gitarre

Gilbertos Erfolge, der von ihm angestoßene Bossa Nova („Neue Welle“) vor heute 60 Jahren ist ohne eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung nicht zu verstehen. Doch anders als zu pompösen Wirtschaftswunderzeiten etwa in der Bundesrepublik waren seine melodiösen Kompositionen nicht zum Mitklatschen gemacht, sondern zum Einwiegen in eine melancholisch gebrochene Zuversicht. Ganzkörperkunst, animiert durch seine sanfte Stimme. Er war ein intimer Erzähler, geradezu introvertiert, beseelt durch einen Gitarrensound, enorm entspannt. Lässig wurden die Akkorde gezupft und verschleppt, ebenso lässig die Synkopen gesetzt.

Was auch immer dazu beitrug, dass der einige, goldene Jahre erfolgreiche Gilberto offenbar zu einem Exzentriker wurde, der unter erbärmlichen und desaströsen Umständen starb - unvergessen bleibt das Cover, das einen unverschämt coolen Mann zeigt, der Kopf und Kinn in der rechten Hand aufstützt. Ein Schwerenöter, nicht schmachtend, maßlos melancholisch, eine Spur beschwingt auch.

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