Kein Mangel an eingängigen Songs: Toots Hibbert.
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Kein Mangel an eingängigen Songs: Toots Hibbert.

Reggae

Frei von Berührungsangst

  • vonPhilipp Kause
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Toots Hibbert, der als erster vom Reggae sang, ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Toots Hibbert ist der „Erfinder“ des Reggae. Die Geschichte und Bedeutung dieses Sängers setzt sich anhand vieler Lieder zu einem Bild zusammen. Er, der am Freitagabend im Alter von 77 Jahren in einem Krankenhaus in Kingston gestorben ist, war ein Künstler, der freimütig coverte und seinerseits viel gecovert wurde und für einen Reggae-Act die Genre-Grenzen so oft sprengte wie kein anderer. Jimmy Cliff vielleicht, der sich aber innerhalb der Offbeat-Stile von Samba bis Disco bewegte. Toots machte es radikaler. Immerhin ist eines seiner Markenzeichen der Country-Titel „Take Me Home, Country Roads“. Beileibe war er kein „One Hit Wonder“.

Sein kausaler Stellenwert für das Genre „Reggae“ wurzelt zunächst in „Do The Reggay“. Den Stilbegriff verwendete vor ihm keiner. Aber dieser Song war keineswegs sein wichtigster oder bekanntester Tune. Chronologisch zu würdigen sind „Never Grow Old“, 1964, „Bam-Bam“, 1966, „54-46 That’s My Number“ und „Monkey Man“, beide 1969, „Funky Kingston“, 1973, „Reggae Got Soul“, 1975. Überdauern werden auch „Pomp And Pride“, „Pressure Drop“, „Premature“ – keinerlei Mangel an eingängigen Songs, die seine Konzerte spannend und atemlos machten. Was alle Nummern eint: Sie stammen aus einer vergangenen Ära.

Obwohl Toots live stets präsent war, setzte er ab Mitte der 70er keine Songwriter-Impulse mehr. Was er zuvor machte, blieb aber beispiellos. Er begegnete Rock, Beat, Funk, Gospel, Soul und anderen Genren frei von jeder Berührungsangst.

Kurz vor seinem Tod erschien die CD „Got to be Tough“. Sie flirtet mit Blues und Funkrock. Teils schräg, in Trance hineingespielt, ungeschliffen, angenehm organisch. Für Fans von Popsong-Strukturen zeigt sich die Platte als etwas spröde, rau, schäumt aber vor Spielfreude. Ehrlich nimmt sie Bezug auf die Ursprünge, die Ska-Orchester der Karibik. Liebhaber von Saxophon und Trompete kamen mit der Musik der Maytals seit jeher auf ihre Kosten.

Quietschende Arrangements unterfüttern die ernsten Lyrikinhalte plausibel. So entsteht eine Mixtur aus schwungvollen, temporeichen Nummern mit breiter Sounddynamik und Texten, in denen der Sänger sich mit der schlechten Bildungssituation von Kindern auf der Karibikinsel auseinandersetzt („Stand Accuse“) oder mit dem nun leider eingetretenen Ende seines Lebens („days are getting shorter“ in „Got to be Tough“). Kritik an Krieg und Terrorismus („stop (…) the shooting and the killing“) hält der Sänger im tiefbluesigen Uptempo-Song „Struggle“ explizit fest. Kampfeswille gegen Ungerechtigkeit ist das Leitmotiv.

Das Album

Toots and the Maytals: Got To Be Tough. BMG Rights

Toots, der 1968, das Wort Reggae in „Let’s Do the Reggay“ sang, gab der schiebenden Tanzbewegung zu schleppendem Offbeat ihren Namen. Er wurde ein vielseitiger Erzeuger dieses Exportproduktes, das viele auf der Insel ernährt. Er wuchs in May Pen, Kleinstadt in einer Anbauregion für Mangos, Orangen, Grapefruit-artige Uglis auf. Registriert hat man weder Tag noch Jahr seiner Geburt. Man stempelte ein Datum zu seinem bürgerlichen Vornamen Frederick in seine Papiere, denn er reiste viel während seiner fast 50 Jahre andauernden Welttournee, die bis auf die Folgen eines Bühnenunfalls non-stop andauerte.

Der erste Hit, „Never Grow Old“ ist stilistisch noch Ska und charakterisiert seine Open-Mindedness. Da ist er gerade volljährig. Er blieb immer der verschmitzte Junge, ein Teenager im Herzen, jung im Kopf, bis ins hohe Alter. Akkurat auf der Bühne, sie war sein Elixier und Biotop, aber auch „launisch“, meint sein Kollege Max Romeo. Bescheiden war Toots gleichwohl auch. So verdankt er sein Talent, laut eigener Aussage, der Kirche.

Er wirkte mit seinen Ko-Sängern als Vokal-Trio, wie man das damals in Kingston eben machte. The Maytals (der Name wurde zum Synonym für den Frontmann Toots) waren damals „Standard“, hatten aber rasch das Privileg ein Album aufzunehmen und herauszustechen – andere warteten da auch mal fünf, sechs Jahre darauf.

„Bam-Bam“ pflegt bereits den Rocksteady-Rhythmus. Zugleich legt das gemächliche Stück auch den Grundstein der Dancehall-Kultur. Aus der Nummer entwickelt der Keyboarder und Produzent Ansel Collins später, 1972, den Stalag Riddim – die Blaupause aller späteren „Riddims“, al von Musikunterlegern, zu denen zahlreiche Bands und Solo-Acts mit verschiedenen Texten performten. „54-46 That’s My Number“, diese Ziffernfolge kann jeder Reggae-Act heute im Schlaf singen, ein Evergreen. „Monkey Man“ ist mit seinen treibenden Bläsersätzen Prototyp-Song für die TwoTone-Ska-Welle der Jahre 1979 bis ‚82 in England.

„Funky Kingston“ holte die Funk-Welle in die jamaikanische Hauptstadt, „Reggae Got Soul“ trifft eine essenzielle Aussage, weil der Sänger damit dem Soul als Quelle des Reggae Tribut zollt. Hätte man ihm bei Island Records im Verquirlen der Genres weiter freien Lauf gelassen, wer weiß, wie beliebt Reggae heute wäre.

Seine finale Platte ist eine kraftvolle Ansage an Jüngere: Lernt wieder Instrumente statt Laptops zu benutzen.

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