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Mykki Blanco in Frankfurt: Rap, genrevergessen

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Von: Stefan Michalzik

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Mykki Blanco machte jetzt im Mousonturm Frankfurt Station. Foto: Mykki Blanco
Mykki Blanco machte jetzt im Mousonturm Frankfurt Station. Foto: Mykki Blanco © Mykki Blanco

„Werden sie warten, bis ich tot bin, um mir Anerkennung zu zollen?“ – Mykki Blanco mischt den Mousonturm auf.

Mykki Blanco gebührt derzeit ohne Frage der Titel „Die am härtesten arbeitende non-binäre Person im Showgeschäft“. 1986 als Kind eines afroamerikanischen jüdischen Paares in Kalifornien geboren, macht Blanco heute in New York Rap. Und vom ersten Moment an schlagen die Stimmungswogen hoch beim Konzert im Studio des Frankfurter Mousonturms. Mykki Blanco begibt sich schon bald und noch etliche Male ins Publikum und geizt nicht mit Anfeuerungen.

Die „Ansagen“, eher mit ein paar begleitenden Akkorden vom E-Piano unterlegte Spoken-Word-Passagen, ufern mitunter aus zu von Repetitionen geprägten Predigten der Liebe und der Gemeinschaft. Mit einer spirituellen Note, nicht umsonst preist Blanco „Alice Coltrane and some ganja“ (in dem Song in dem Song „You Will Find It“) als Quellen der Inspiration.

Gemeinschaft stiften, von dieser Idee künden auch die Alben mit den vielen Gästen am Mikrofon; auf „Stay Close to Music“, dem kürzlich erschienenen dritten, aus dem sich ein Gutteil des Konzertrepertoires gespeist hat, reicht die Liste von Saul Williams und Anohni bis zu Devendra Banhart und Michael Stipe. Deren Parts kamen im Bühnenquartett – mit Keyboards und Laptop sowie E-Gitarre alternierend mit Schlagzeug – Jéssica Pina zu, einer hinreißenden Soulsängerin und Trompeterin.

Genrevergessen die Musik, Nummer um Nummer changierend, zwischen Electro und House, Anklängen von Jazz, Trapbeats, funky E-Piano und unrockistisch gehandhabter Rockgitarre. Rap ist lediglich eines von vielen Stilmitteln, immer wieder wechselt Mykki Blanco – Zweireiher über einem schwarzen Glitzer-Oberteil, langes schwarzes Perückenhaar (das sich ekstatisch schütteln lässt) und Oberlippenbart – in die Gesangsstimme, die sich im männlich zugeordneten Bariton bewegt.

„Your feminism is not my feminism“, heißt einer von Mykki Blancos Songs. „Ich habe HIV, kann ich trotzdem berühmt werden?/Werden sie warten, bis ich tot bin, um mir Anerkennung zu zollen?/Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf/Ich versuche sie zu töten und preise stattdessen einfach Gott“. Selbstermächtigung nimmt bei Mykki Blanco immer wieder die Form einer mantrenhaft beschwörenden Wiederholung an. „Patriarchy ain’t the end of me/Y’all motherfuckers better bend to me“ – frei übertragen: das Patriarchat wird mich nicht unterkriegen/geht auf die Knie vor mir, ihr Arschlöcher.

Klingt nach einer gesunden Gegenagressivität, der Grundton bei Blanco jedoch ist ungeachtet der klaren Kante weicher als bei vielen schwarzen Rappern. Eine Beschwörung des Positiven. Der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte Blanco 2016 von dem Plan zum Aufbau von Gemeinschaften auf dem Land für LGBT-Menschen, die keine regulären Jobs bekommen. Mikroökonomien als Gegengewichte zur Großstadt, in der zunehmend nur noch Reiche erwünscht sind.

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