Rolf Riehm

Mutter Erde erzeugt den Stahl

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Gewaltverhältnisse: Die Kompositionen „die schrecklich-gewaltigen kinder“ und „o daddy“ von Rolf Riehm.

Schrecklich, gewaltig: das sind nicht unbedingt Eigenschaften, die man Kindern landläufig zuschreibt. In Rolf Riehms Komposition für Koloratursopran und Kammerorchester geht es auch nicht um Kinderszenen, eher um frühantiken Mythen. Da sind Kinder in der Tat oft schrecklich und gewalttätig – ganz wie die Eltern. Uranos etwa findet seine Kinder unerträglich und stopft sie in die Erde hinein, Mutter Erde, aka Gäa, aber erzeugt Stahl, macht daraus eine Sichel, mit der Sohn Kronos den Vater sehr effektvoll umbringt; das wiederum hat gewaltige mythische Folgen.

Auch in anderen alten Mythen, ebenso wie in zentraleuropäischen Märchen, gehen Kinder und Eltern nicht immer liebevoll miteinander um. Man denke an Ödipus, Elektra und Orest, das Märchen „Von dem Machandelboom“, Hänsel und Gretel ...

Rolf Riehms musikalische Erzählung „die schrecklich-gewaltigen kinder“ geht zweispurig vor. Eine weibliche Stimme – die faszinierend souverän intonierende Piia Komsi – ist die eine erzählerische Instanz, die andere ist die Musik. In einem Werkkommentar schreibt Riehm: „Die Brutalität des Textes hat ihr Äquivalent in der zerstörten Sprache der Musik. (...) Auch die Musik ist eine Gefühlsruine, ein Ausbund an arbiträrer Unberechenbarkeit.“ Zwischen beiden Erzählformen herrscht also keine klare Rollenaufteilung, eher eine – zuweilen zeitverschobene – Korrespondenz mit einer Art Kommentarfunktion in der Musik.

Die Einspielung ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks, das Material ein Mitschnitt der Uraufführung an der Oper Frankfurt im Jahre 2003 im Bockenheimer Depot.

Es spielt das Ensemble Modern unter der Leitung von Hermann Bäumer. Piia Komsi und das Ensemble haben dem Stück dramatische, hoch intensive und stählern scharfe Konturen verliehen. Piia Komsis Stimme beherrscht lange Glissandi, halsbrecherische Grate, melodische Wärme, verzweifelte Panik. Die innere Zerrissenheit in der Singstimme (Riehms Werkkommentar: „Nichts als Brocken, Hinwürfe, Hineinfälle von weiß Gott woher, durchzogen von ‚Nichts-Schluchten‘“) bekommt von der Musik keinen Halt in der Welt, obwohl die Musik den Text analytisch begleitet und insofern eine gewisse Anteilnahme enthält. Am Anfang hört man einen minutenlangen Großseufzer der Singstimme, der dem Stück ein Vorzeichen abgründiger Trostlosigkeit verleiht ist auf und keinen Ausweg weist. Weil der Mythos immer schon weiß, wo alles enden wird.

Auch das zweite Stück der CD, „o daddy“, thematisiert ein Gewaltverhältnis mit paradoxer Ausgangssituation: die archaischen Handlungsmuster eines Vatermords. Es entstand 1984, also fast zwei Jahrzehnte früher als die „kinder“ und wurde eingespielt vom SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden unter der Leitung von Kazimierz Kord.

Unter anderem geht in den Stoff ein Vorfall aus den 70ern ein: In Rom erschießt der 14-jährige Marco Caruso seinen Vater, stellt sich der Polizei und bittet um Bestrafung. Eine eigentümlich Solidarisierungswelle unter Jugendlichen entsteht, in der der Vatermord zum Inbegriff einer Befreiung von väterlicher Unterdrückung wird – als habe der Vater den Sohn zum Mord gezwungen. Wie ist so etwas möglich?

Riehms Komposition beantwortet diese Frage nicht bündig, sondern zerlegt das Narrativ in gesprochene, zugespielte und orchestrale Teile, die einen gläsernen Zusammenhang bilden und ihre Entsprechung in einer mehrgestaltigen Wahrnehmungsweise haben. Denn es gibt nicht nur eine Perspektive auf diese fast archaische Geschichte. Anders als bei einer Live-Aufführung, bei der die Hörerschaft von Lautsprechern umstellt ist, geht in der Einspielung nichts verloren. Die Wahl des Platzes beeinflusst nicht die Wahrnehmungsmöglichkeiten.

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