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Haudegen Dietrich Hilsdorf will es drastisch und gestaltet es drastisch: Chor mit Hitlerpuppe.

Premiere in der Oper

Mutter, was bist Du so bleich!

Musik-Theater im ureigentlichen Sinne: Leipzig zeigt die szenische Erstaufführung des „Deutschen Miserere“ von Brecht/Dessau.

Von Jürgen Otten

Oper oder Oratorium, das ist hier nicht die Frage. Das „Deutsche Miserere“ von Paul Dessau und Bertolt Brecht ist ein Werk, dessen politische Sprengkraft eine Diskussion über die Gattung obsolet macht. Denn es ist Musik-Theater im ureigentlichen Sinne. Ein Theater zudem, das sinnlich-sittlich berührt und den kritischen Geist anstachelt. Beides immer zur gleichen Zeit.

Erstmals 1942, während der Kämpfe um Stalingrad, sprechen Dessau und Brecht in New York über den Plan, ein „Deutsches Requiem“ zu schreiben. Zwei Jahre später, beide leben inzwischen in Hollywood, nehmen sie die Arbeit auf. 1947 ist das „Deutsche Miserere“ fertig, seine Schöpfer nennen es ein Oratorium. Dessau berichtete späterhin, er habe das dreiteilige Opus „hüben wie drüben“ angeboten, also diesseits und jenseits des quer durch Deutschland sich spannenden Eisernen Vorhangs. Doch erst 1966 kommt es in Leipzig zur (konzertanten) Uraufführung. Herbert Kegel dirigiert sein ehemaliges Chorensemble, den Leipziger Rundfunkchor und das Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchester.

Ebenfalls in Leipzig (in der Oper) erlebte dieses musikalische Bußgebet nun seine szenische Erstaufführung, in einer ebenso streng-spartanischen wie bildmächtigen Regiearbeit des Haudegens Dietrich W. Hilsdorf. Beteiligt waren daran der Chor der Oper Leipzig, das Gewandhausorchester (Leitung: Aléjo Perez) sowie die Gesangssolisten Katja Beer (Sopran), Karin Lovelius (Alt), Dan Karlström (Tenor) und Peteris Eglitis (Bass).

Hilsdorf hat seiner Inszenierung den Untertitel „Versuch über die Möglichkeit zu trauern“ gegeben, in Anspielung auf das berühmte Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“. Die Zuschreibung trifft den Kern des Abends. Mehr als ein Versuch kann die szenische Realisierung des Stoffes kaum sein, zu disparat und auch zu eigenmächtig sind die Ebenen von Text und Musik.

Der Krieg bleibt immer präsent und nah – und die finale Wendung ist ein Hammer

Ein Versuch aber, der lohnt, allein aus politischen Gründen. Und der mit zunehmender Spieldauer an Eindringlichkeit gewinnt. Dieter Richter hat einen riesigen grauen Kasten auf die Bühne der Leipziger Oper gestellt, mit einem quer hindurchführenden Gleis, das verschiedene Assoziationen weckt (das Gleis der Geschichte, das Gleis, das nach Auschwitz-Birkenau führt...), das aber konkrete Bestimmung erfährt durch die Tatsache, dass mehrfach Loren darüber fahren wie im Bergwerk.

Der Prolog ist stumm und doch wortgewaltig. Während die Mitglieder des Chors über einen in den Saal hineinragenden Laufsteg auf die Bühne schreiten als schäbige Gestalten (Kostüme: Renate Schnitzer), flackern auf einem dunklen Feld an der Bühnenrückwand die Begriffe „Kreuzweg“, „Harz“, „mitten im tausendjährigen Krieg“ und „April“ immer wieder kurz auf. Der Krieg ist existent, und er ist irgendwo, stets in unserer Nähe.

Es folgt der eigentliche Beginn des Oratoriums: der große Anklagegesang „O Deutschland, bleiche Mutter“. Dessau schrieb dazu, Brecht habe ihm seinerzeit in Santa Monica lächelnd verkündet, das Finale stehe am Anfang. Als Setzung ist das prägnant. Denn von hier aus kann der Abend nicht mehr zurück. Und die Idee, diese bleiche Mutter Deutschland als leibhaftige (laszive) Frau auf die Bühne zu stellen, leuchtet absolut ein. Immer wieder wird diese Frau, die Karin Lovelius selbst noch in blutbesudelter Nacktheit mit erheblicher Würde spielt (und damit verhindert, dass die Anklage allzu theoretisch und moralinsauer gerät, sondern, im Brechtschen Sinne, politisch bleibt) in der Folge durch die Reihen geschubst und als Menetekel für den Untergang benutzt.

Der Mittelteil des Triptychons geht über Deutschland hinaus, er ist ein Mosaik des (von Nazi-Deutschland ausgehenden) Weltgrauens. Die Schöpfer des „Deutschen Miserere“ wollten, dass die Bilder, zu denen Brecht seine 29 Kriegsfibel-Vierzeiler schrieb, auf eine Leinwand projiziert werden. Hilsdorf findet dafür eine eigene, plastische Lösung. Die Fotografien hängen schon an den Wänden. Mit sparsamen Gesten wird nun jede Moritatensammlung Brechts in eine kleine Szene umgewandelt, und so präzise, dass sich alles zum großen Ganzen fügt: zum Bild des Schreckens.

Hilsdorf genügt das aber nicht. Er will die Klammer zum Heute. Und er will sie drastisch. Also lässt er erst eine Hitler-Puppe in den blutigen Schoß Deutschlands hineinstopfen; dann einen Sarg herein tragen und diesen mit den Flaggen Deutschlands, der DDR, Belgiens, Hollands, Frankreichs und der Hakenkreuzfahne drapieren; dann eine mit einer Burka verhüllte Frau eine Schubkarre mit einer Kinderleiche darin zum Grab rollen und sie dort auskippen; dann das bundesdeutsche Kabinett sowie den Bundespräsidenten samt Gattin aufmarschieren zum Staatsbegräbnis (bitterböse: Schäuble scheitert, im Rollstuhl, an den Gleisen); und dann sehen wir auf der Lichtschiene die Begriffe „Afghanistan“, „Kunduz“ und das Wortgespann, das wir schon kennen: „mitten im tausendjährigen Krieg“.

Eine provokative, ja: hammerharte Wendung. Ob sie politisch korrekt ist, das ist hier nicht die Frage. Sie ist politisch sprengkräftig, sie berührt und stiftet zum Nachdenken über Deutschland an. Das kann so falsch nicht sein.

Oper Leipzig: 27. März, 10. April und 5. Juni. www.oper-leipzig.de

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