HR-Sinfoniker

Mutige hauen selbst auf die Pauke

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Berlioz’ „Fantastique“ beim furiosen Gesprächskonzert mit den HR-Sinfonikern unter Andrés Orozco-Estrada.

Hören Sie mal.“ Ja klar, was denn sonst, wir sind im Konzert hier. Aber dann lässt Andrés Orozco-Estrada sein hr-Sinfonieorchester das Motiv auseinandernehmen, führt vor Ohren, wie sich die Begleitung auf Instrumentengruppen aufteilt, wie Hector Berlioz die Melodie unter den Geigen auffächert: JETZT hören wir.

Warum die Gesprächskonzerte des Orchesters in der Alten Oper so dämlich wie austauschbar „Spotlight“ heißen und als „Junges Konzert“ rubriziert werden müssen, weiß der Henker. Oder vielleicht der Intendant. Jedenfalls ist es ein großartiges Format für alle Altersgruppen. Es lebt von den Entertainer-Qualitäten des Chefdirigenten. Orozco-Estrada moderiert die „Symphonie Fantastique“ so charmant wie erkenntnisleitend. Öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag ohne Telekolleg-Trockenheit.

Berlioz gab seiner Symphonie eine ausformulierte Handlung mit und prägte so eine neue Gattung: die Programmmusik. Die leicht irre Liebe eines Künstlers zieht sich als motivische „idée fixe“ durch die fünf Sätze. Die Schauspielerin Harriet Smithson, die Berlioz dazu inspirierte, lässt Orozco-Estrada auf einem Bildschirm über der Bühne erscheinen, pastelltönig, schmeichelhaft, auf einem zweiten Schirm Berlioz, streng, schwarzweiß – „aber dafür kann er nichts“, scherzt der Dirigent. Dass die beiden zwei Jahre nach der Uraufführung 1830 geheiratet haben, erwähnt Orozco-Estrada. Den Hinweis, dass die Ehe ähnlich dramatisch zum „Hexensabbat“ degenerierte wie die Symphonie, lässt er sich entgehen. Dafür zeigt er anschaulich die Effekte, mit denen Berlioz spielt, die seufzenden Glissandi, die Herzschläge der tiefen Streicher, das Donnergrollen der Pauken im dritten Satz (der hier mit dem zweiten den Platz tauscht).

Ein paar Dutzend Zuhörer dürfen im Bühnenhintergrund sitzen, besonders Mutige die Pauke probieren. Das gesamte Publikum testet, wie schwer gekreuzte Rhythmen zu klatschen sind. Auf das Englischhorn-Thema im dritten Satz lässt Orozco-Estrada den Saal singend antworten – eine Rolle, die später die Oboe übernimmt. Die gleich vier Harfen im zweiten Satz setzt der Dirigent gut sichtbar vorn auf die Bühne, „das darf man in einem Format wie diesem, sonst muss man ja brav sein“.

Der Dirigent plaudert gern; es wird viel später als angekündigt. Den keimenden Wunsch nach mehr Musik am Stück erfüllt das Orchester nach der Pause, gibt Sätze vier und fünf – nach Anmoderation – attacca. Der donnernde Applaus ist berechtigt, dass das Format erst nächste Saison wieder auf dem Plan stehen soll, zu bedauern.

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