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Owen Wingrave (Michael Nagy) und der Militärakademiker Coyle (Dietrich Volle).

Kammeroper "Owen Wingrave"

Musterschüler als Außenseiter

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Benjamin Britten schrieb sein pazifistisch grundiertes Werk "Owen Wingrave" unter dem Eindruck des Vietnamkriegs. In Frankfurt gelang Walter Sutcliffe eine tadellose Inszenierung. Von Hans Klaus Jungheinrich

Ein mustergültiger junger Gentleman. Hat nur einen Fehler: Er ist Pazifist. Damit ist er in seiner alten britischen Soldatenfamilie unten durch. Krach, Entzweiung, Enterbung. In eine verzweifelte Mutprobe hineingetrieben, nächtigt er im berüchtigten Spukzimmer des Familienschlosses, wo er von den erbosten Geistern seiner militanten Vorfahren zur Strecke gebracht zu werden scheint.

Schon kurz nach der Komposition von "The Turn of the Screw" dachten Britten und seine eminente Librettistin Myfanwy Piper an dieses weitere Psychothriller-Sujet des großen Erzählers Henry James, doch erst 1971 kam es zur Urveröffentlichung des gemeinsamen "Owen Wingrave" - als Fernsehoper bei der BBC, ausgestrahlt in alle Welt. Zwei Jahre später gab es die Bühnenfassung am Londoner Covent Garden. Und 2007 realisierte David Matthew eine (an die Kammeropern-Tradition des kleinen Aldebourgh-Festivals angelehnte) reduzierte Orchesterfassung. Deren buchstäblich korrekte Exekution überwachte nun im Bockenheimer Depot, dem Alternativdomizil der Oper Frankfurt, die eigens aus England herbeigeeilte Britten Foundation.

Schwerlich hätte auch der größte werkanwaltliche Eifer Tadelnswertes an der Frankfurter Britten-Bestrebung finden können. Walter Sutcliffe, Regieadept von Keith Warner, hatte zusammen mit dem Bühnenbildner und Kostümentwerfer Kaspar Glarner eine schlüssige und beeindruckende Szenographie entwickelt. Mit ihren von einer hin- und herfahrenden Vorhangwand hergestellten variablen Schauplatz-Segmenten übertrug sie das "filmische" Prinzip der ursprünglichen Dramaturgie plausibel auf eine Raumkonzeption.

Mit sparsamen, fast asketischen Mitteln gelang eine suggestive Vergegenwärtigung realer und imaginärer Topographien. Das offene Ende der Geschichte wird deutlich herausgestellt - die Angehörigen verharren wie gebannt vor der geschlossenen Tür des Zimmers, in dem sie Owens Leiche vermuten, und dessen tragisches Ende wird nur durch den mehrmaligen Balladengesang des als surreal-dämonische Dienerfigur erscheinenden Erzählers (Richard Cox mit fast magischem Tenortimbre) vermittelt.

Die für Brittens Poetik zentrale Außenseiter-Thematik erhält in diesem späten Werk einen viel eindeutiger positiven Anstrich als etwa im "Peter Grimes" mit seinem zwielichtigen, brutalen Titel-"Helden". Dass bei Owen die Verweigerung einer militärischen Karriere zum Motiv eines explosiven Ausbruchs aus der gesellschaftlich präformierten Rolle wird, ist für den Pazifisten Britten allerdings keine Beliebigkeit.

Die Aktualität der Stoffbearbeitung in den Endphasen des Vietnamkriegs bedarf keiner weiteren Erläuterung, und das Verblendende eines britisch-imperialen Bellizismus erwies sich wenig später an Margaret Thatchers kalkuliert den Falkland-Krieg antreibender patriotischer Begeisterung.

Der ungeheuerliche juvenile Traditionsbruch hatte umso mehr Biss, als dem jungen Owen in der differenzierten und subtilen Zeichnung von Michael Nagy (mit charaktervoller Baritonstimme) ansonsten kein Jota von konservativ korrektem Benehmen abging. Kein Ton, keine Nuance deutete auf einen lässigen Aussteiger im Hippielook - umso eindrücklicher, wie Disziplin und Entschiedenheit hier das Antisoldatische markierten, der kollektiv-konformistischen Moraleinforderung die Wucht des individuellen, einsamen Mutes entgegenstand. Glaubwürdig aber auch die durch den Hass der Umgebung hervorgebrachte innere Anspannung, die womöglich zu einem katastrophischen Ausgang führt.

Alle übrigen Akteure sind mehr oder weniger Charaktermasken nicht in Frage gestellter gesellschaftlicher Konventionen, am furchtbarsten die vom Normschicksal quasi vorbestimmte Lebenspartnerin Kate (mit berechnendem Charme: Jenny Carlstedt), aber auch massive Familienschranzen wie ihre Mutter (Anna Ryberg), die Tante (Anja Fidelia Ulrich) oder der Großvater (Hans Schöpflin). Nur geringe Aufhellung bringen mit nachdenklicher Intelligenz der Militärakademiker Coyle (Dietrich Volle) und vor allem seine warmherzige Ehefrau ( Barbara Zechmeister). Die Beschränktheit eines angepassten Jungkameraden demonstrierte in aller Diskretion Julian Pregardiens Lechmere.

Der intellektuell-argumentativen Qualität des Librettos entspricht eine Opernmusik, die man als betulich bezeichnen könnte, die aber in ihrer insistierenden Ruhe und der unaufwändigen Prägnanz ihrer Klanggestalten doch immer wieder für sich einnimmt. Bewundernswert, mit welch unauffälliger Virtuosität erhebliche Textmengen (klar verständlich!) transportiert werden in "geschlossenen" ariosen oder Ensemble-Formen. Groß angelegte hochdramatische Überwältigungen sind in dieser Phase Brittens Sache nicht mehr; umso feinnerviger entfaltet er die Psychologie seiner Figuren, das Geäder der Handlungsstationen.

Mit 15 Instrumentalsolisten (plus zwei Bühnenmusikern) des Opern- und Museumsorchesters hielt der Dirigent Yuval Zorn das zartfarbene Gewebe der beredten und auch im Lyrisch-Vokalen ausführlich sich ausspinnenden Britten-Textur in Bewegung.

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 31. Januar, 3., 4., 7. Februar. www.oper-frankfurt.de

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