Algiers

In den Mustern des Vergangenen

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Die Punkband Algiers gibt im Frankfurter Zoom, was seit den 60er Jahren als Rebellion läuft.

Der Kritiker Daniel Gerhardt meinte über Algiers mal lobend, sie seien „das Zweitschlimmste überhaupt: eine verkopfte, rechtschaffene Punkband“. Erstaunt und begeistert sind vor allem die Schreibenden nicht nur über die Mischung aus Gospel und Postpunk und mehr, sondern auch über die dezidiert politische Haltung. Links stehend, grenzensprengend als politische wie als ästhetische Haltung.

Nun, mit der Vorband Jupiter-C sind nicht mal Reformen zu machen. Sängerin Ashiya Eastwood wirft einen Zettel nach dem anderen auf den Boden. Auf diesen steht der Text. „I went on holiday. I went far away“. Eastwood will sicherlich ausschauen wie bei Godard, aber sie schaut aus, als würde sie Essen bestellen beim chinesischen Restaurant um die Ecke und sie versteht die Karte nicht. Geschichte ereignet sich immer zweimal, sagen Algiers mit Marx, der das über Hegel sagte: einmal als Tragödie, beim zweiten Mal als Farce.

Als Algiers im Sommer mit Depeche Mode unterwegs waren, da traten sie vor Zehntausenden auf. Im Frankfurter Zoom sind es nun nicht mal 200, Algiers genießen es trotzdem. Sie hören Abend für Abend ihre Lieblingslieder, sie sind dabei besoffen von sich. Kein Problem. Aber es ergibt keinen Sinn, auf eine andere Welt zu hoffen, wenn all das in den Mustern des Gestern passiert. Und das, was folgt, ist die alte Rockstar-Schmerzensmänner-Bodenrumgeliege-Gitarrespiel-Misere, die seit den 60ern unter Rebellion läuft. Einzig Bassist Ryan Mahan tanzt dazu quer. Es ist nicht genug.

Und das ist das Erstaunlichste, dass das Ganze offensichtlich ein Denkproblem ist: Sie haben nicht nachgedacht, wie das, was sie sagen, zu dem passt, was sie da machen auf der Bühne. Sie wollen emanzipieren und dann predigen sie im Stile autoritärer Rockshows von oben nach unten. Irgendwann springt Sänger Franklin James Fisher ins Publikum, er steht vor uns, singt uns ins Gesicht. Im Hardcore wurde irgendwann die Bühne eingeebnet, die Band spielte auf Augenhöhe mit dem Publikum, das war auch ein Versuch der Demokratisierung. Alle sind gleich. Hier ist es ein kurzes Gimmick, Lippenbekenntnis, die politische Agenda ist noch: „Fuck Trump“. Später gibt es Dinge zu kaufen, da liegt ein Heftchen, darin die Texte der zwei Alben. Zwei Euro. Im Jahr 2018 drucken sie ihre Texte und tackern das zusammen und nehmen dafür Geld. Wie absurd ist es, ausgerechnet das, die Message mitsamt Aufruf zum Widerstand, käuflich zu machen?

Im großartigen Video zum großartigen Track „Irony. Utility. Pretext“ breakdancen Algiers im Busludscha-Denkmal in den bulgarischen Bergen. Die kommunistische Partei errichtete es, es wurde 1981 eröffnet, seit 1989 zerfällt es. Über den Eingang hat jemand geschrieben: „Forget your past“.

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