Der Musikalische Direktor der New Yorker Philharmonie, Kurt Masur, ist im Alter von 88 Jahren gestorben.
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Der Musikalische Direktor der New Yorker Philharmonie, Kurt Masur, ist im Alter von 88 Jahren gestorben.

Nachruf auf Kurt Masur

Musik als moralischer Impuls

In der Wendezeit trug er mit seinem Engagement zum unblutigen Ende der DDR bei. Seine Kraft schöpfte er aus der Musik. Nun ist Kurt Masur gestorben. Die New Yorker Philharmoniker würdigen ihn für sein Lebenswerk.

Von Peter Uehling

Humanismus ist in der Musik meistens ein leeres Wort. Nur weil jemand Beethovens Neunte mit ihrem „Alle Menschen werden Brüder“ dirigiert, heißt das noch nicht, dass er diese Botschaft als Person vertreten würde. Gerade die deutsche Musikgeschichte hat viel zu erzählen von Musikern, die ihre künstlerischen Leistungen vorschoben, um sich politisch herauszuhalten, und nicht verstanden, dass es auf ihren öffentlichen Positionen kein Heraushalten mehr gibt. Wilhelm Furtwängler, der große, wenn nicht größte Dirigent deutscher Musik, hat in seinen privaten Aufzeichnungen eifrig über die humanistischen Botschaften dieser Werke räsoniert – und am Ende doch Beethovens Neunte zu Hitlers Geburtstag aufgeführt.

Kurt Masur hat Beethovens Neunte unzählige Male dirigiert, und sie war ihm weit mehr ein musikgeschichtliches Monument, deren moralischer Impuls den Musiker zu nicht mehr als größtmöglicher technischer Perfektion verpflichtete. Masur entnahm diesem und anderen Werken des klassisch-romantischen Repertoires Prinzipien und eine Haltung, die er nicht nur verkündete, sondern zu Maximen seines Handeln wählte.

Als die Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 zu Massenversammlungen wurden und die Führung der DDR deren bewaffnete Niederschlagung plante, hörten die Demonstranten über den Rundfunk folgenden Aufruf: „Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über den Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen heute die Unterzeichneten allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur.“

Neben Masur hatten der Theologe Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und drei Mitglieder der SED-Bezirksleitung an diesem Text mitgeschrieben. Aber Masur, als Sprecher und prominentester unter ihnen, wurde in dieser Nacht zum Helden.

Was aus der aktuellen Sorge um ein Blutbad als Appell formuliert wurde, änderte die Situation. Mit jener spontanen Genialität, die der historische Moment zuweilen hervorbringt, nutzte Masur die zwiespältige Position des Künstlers in der Diktatur und wandte sie gegen den Staat. Dass die DDR ihn als Aushängeschild ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit brauchte und zu steuern versuchte, gab seinen Worten nun eine Autorität, der entgegen dieser Staat nicht mehr zu handeln vermochte. Fortan wurden die Demonstrationen nicht mehr mit Gewalt aufgelöst. Einen Monat nach Masurs Rede fiel die Mauer.

Der Humanismus allerdings ist eine komplexe Sache, keine Schwarz/Weiß-Malerei. Wurde Masur am 9. Oktober 1989 zum Helden, nahm man ihm einen drei Wochen später geschriebenen Brief an Erich Honecker übel. Masur hatte nicht mehr getan, als sich für das zu bedanken, was Honecker für das Leipziger Musikleben getan hatte: „Für das Gewandhaus hat er seine Position genutzt, um für die Allgemeinheit Gutes zu tun“, sagte Masur. Zu diesem Guten gehörte vor allem der einzige Neubau eines reines Konzerthauses zu DDR-Zeiten: Zum Leipziger Gewandhaus konnte Masur Honecker überreden mit dem Hinweis darauf, dass sich das Gewandhausorchester vor aller Welt blamieren würde, wenn es seine 200-Jahrfeier 1981 in jener Kongresshalle nahe dem Zoo begehen würde, in der es seit Kriegsende auftrat. Dass Masur im Herbst 1989 das Gewandhaus auch als Forum politischer Gespräche zur Verfügung stellen würde, konnte Honecker damals nicht ahnen.

Als politisch unzuverlässig galt Masur schon lange. 1964 fiel er in der DDR in Ungnade, weil er sich gegen eine Konzertkritik im „Neuen Deutschland“ verwahrte und eine Stellungnahme zur Musikkultur der DDR nicht mit den unentbehrlichen Schlagwörtern „Sozialismus“ und „Arbeiterklasse“ ausstatten wollte. Als Masur sich einen Vortrag über die Aufgaben des Künstlers im Sozialismus anhören musste und danach das Gespräch verweigerte mit der Bemerkung, hier sei keine Diskussion mehr möglich, begann das Regime ihn auszuhungern. Masur, der ohnehin gerade keine Stelle hatte, bekam Reiseverbot, dirigierte nur gelegentlich und war gezwungen, sein Auto zu verkaufen, um die Familie zu ernähren.

Als er eine Einladung nach Venedig erhielt, sagte er trotz des Verbotes zu und sagte auch dem Kulturminister, dass er fahren würde, ob mit oder ohne Erlaubnis – sollte ihm etwas zustoßen, wäre das die Schuld des Ministers. Von diesem Moment an durfte Masur wieder ungehindert reisen. Nicht nur das: In Venedig wurde er sich seines eigenen, internationalen Ranges bewusst – und die alsbald folgenden Einladungen zu bedeutenden Orchestern in der Welt bewiesen das auch den Apparatschiks der DDR.

Sich durchzusetzen war Masur nicht in die Wiege gelegt. Am 18. Juli 1927 im schlesischen Breig in der Nähe von Breslau geboren, war er ein schüchternes Kind, das vor fremden Menschen zu stottern begann. Als er sich mit fünf Jahren erstmals ans Klavier setzte und die Töne zusammensuchte, die seine Schwester gerade im Klavierunterricht geübt hatte, hatte er gefunden, was ihn glücklich und stark machte. Zum Musikunterricht gesellte sich ein privates Abhärtungsprogramm aus Mutproben, denn bald wurde klar, dass seine pianistischen Fähigkeiten begrenzt waren, einer Laufbahn als Dirigent jedoch noch seine persönliche Zurückhaltung im Wege war.

Der Volkssturm, zu dem der 17jährige eingezogen wurde, härtete ihn auf grausame Weise zusätzlich ab. Ab 1946 studierte Masur in Leipzig Dirigieren, seinen Lebensunterhalt verdiente er als Pianist in einer Tanzschule. Noch während des Studiums wurde er Korrepetitor in Halle, 1951 Kapellmeister in Erfurt, zwei Jahre später ging er in gleicher Position nach Leipzig ans Städtische Theater, und wieder zwei Jahre später wurde er zweiter Dirigent bei den Dresdner Philharmonikern, neben seinem einstigen Lehrer Heinz Bongartz. Mit 31 Jahren fühlte sich Masur reif für eine Stelle als Generalmusikdirektor und ging nach Schwerin, 1960 ging er in gleicher Position an die Komische Oper in Berlin.

Zum international bedeutenden Interpreten wurde Kurt Masur allerdings im sinfonischen Repertoire, dem er sich ab 1967 bei den Dresdner Philharmonikern und ab 1970 am Leipziger Gewandhaus widmete: Bis 1997 bekleidete er das Amt des Gewandhauskapellmeisters und stand für ernsthafte, gedankenreiche Arbeit am klassischen Repertoire, vor allem bei Beethoven, aber auch bei Mendelssohn, einer seiner Vorgänger am Gewandhaus, dessen Werke er gegen eine eher herablassende öffentliche Meinung immer wieder aufführte und verteidigte.

Solcher Ruf von Solidität und Tiefe im Zusammenhang mit seiner politischen Haltung drang auch über den Atlantik: Kurz nach dem Mauerfall, im April 1990 beriefen die New Yorker Philharmoniker Masur zu ihrem neuen Chefdirigenten – eine verblüffende Entscheidung, wäre bei aller Hochachtung doch bislang niemand darauf verfallen, Masur in einem Atemzug mit seinen Vorgängern Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Zubin Mehta zu nennen.

Dank regelmäßiger Konzertreisen mit dem Gewandhausorchester und zahlreicher Gastdirigate war Masur aber kein Unbekannter; die als ruppig und schwierig bekannten New Yorker Musiker wussten, auf wen sie sich einließen. Tatsächlich hatte Masur mehr Schwierigkeiten mit dem Vorstand und der amerikanischen Art des Kulturmanagements als mit dem Orchester, das seine Beharrlichkeit, Sachlichkeit und Integrität bald sehr zu schätzen wusste: Als der Vorstand Masur den Rücktritt nahelegte, weil er sich weigerte, den Sponsoren mehr Einfluss auf die Programme zu gewähren, stellte sich das Orchester hinter ihn. Er hatte ihm vermittelt, dass es neben der schieren klanglichen Brillanz, neben dem plakativen Ausdruck noch andere musikalische Werte gab. Sein 70. Geburtstag wurde in New York groß gefeiert.

Ärger gab es auch am Gewandhaus, das Masur noch immer leitete. Das mit 200 Stellen größte deutsche Orchester sollte verkleinert werden. Masur verlängerte seinen Vertrag noch einmal um zwei Jahre, um den Umbau mitzugestalten. Aber als an ihm vorbei Herbert Blomstedt als sein Nachfolger bestimmt wurde, trat er früher zurück – nach 26 Jahren musikalischer Leitung und Aufbauarbeit durchaus im Zorn über die Konzept- und Traditionslosigkeit der Stadt Leipzig.

Nach Ende seiner Zeit in New York 2002 war Masur noch Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra sowie bis 2008 in gleicher Position beim Orchestre National de France. Nach seinem 81. Geburtstag, nach 60 Jahren Dirigiertätigkeit, nahm Masur keine Stelle mehr an.
Masur war dreimal verheiratet. Ein Jahr nach Scheidung von seiner ersten Frau starb seine zweite bei einem Autounfall, den er tragischerweise selbst verursacht hatte. 1975 heiratete er die Bratschistin Tomoko Sakurai. Aus erster und dritter Ehe hat Masur fünf Kinder, zwei davon, Carolin und Ken David, sind Musiker geworden.

In seinen letzten Jahren litt Masur unter Parkinson. Doch trotz der Krankheit ereignete sich auch in seinen letzten Konzerten immer wieder das Wunder einer Musik, die jenseits von Unterhaltung und virtuoser Perfektion, aber auch jenseits zelebrierter Subjektivität und Ausdruckswut sich ereignete: als Botschaft vom Menschen für Menschen. Im Frühjahr 2012 brach er sich bei einem Auftritt in Paris das Schulterblatt. Ein Jahr später stürzte er in Tel Aviv und brach sich die Hüfte. Zuletzt dirigierte er im Rollstuhl sitzend. Am Samstag starb er im Alter von 88 Jahren im US-Bundesstaat Connecticut.

Bis zu seinem Tod war er Ehrendirigent in Leipzig. Wenige Dirigenten haben sich so uneitel, mit handwerklichem Stolz und innerem Glühen in ihrem Beruf bewährt. Die Beisetzung soll nach Angaben der New Yorker Philharmoniker im privaten Kreis stattfinden. Zudem soll es eine öffentliche Gedenkveranstaltung geben.

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