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Musik für Millionen

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Von: Thomas Stillbauer

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„Mein Kieferorthopäde ist ein Henker“: Von Wegen Lisbeth. Marian Lenhard
„Mein Kieferorthopäde ist ein Henker“: Von Wegen Lisbeth. Marian Lenhard © Marian Lenhard

Stürmer, Giesinger, Forster, Reincke und Von wegen Lisbeth: Deutsche Texte sind präsent wie nie – Fünf neue Alben zwischen Pop und Schlager.

Eigentlich kannst du es nicht besser machen als Christina Stürmer, die Österreicherin, der man nicht anhört, dass sie Österreicherin ist. „Es fährt im Kopf ein Karussell / und alles dreht sich irgendwie zu schnell (…) da sind Millionen Lichter in der Welt / Milliarden Farben, die leuchten so hell / Millionen Lichter über der Stadt (…) Millionen Gesichter / wie du und ich.“

„Millionen Lichter“, vor gut drei Jahren veröffentlicht, ist der perfekte Schlager. Beginnt mit einem treibenden Beat, steigert sich bis zum Refrain, gipfelt in einer verbindenden, glitzernden, extrem tanzbaren Botschaft, dazu ein gut gelaunter Videoclip, in dem ihre Band gestrandete Seelen einsammelt. Genial.

Erstaunlicherweise war „Millionen Lichter“ in Deutschland nicht höher als Platz 23 in den Charts, selbst in Österreich nur auf Position 5. Aber es läuft jeden Tag im Radio, seit drei Jahren. Stürmers aktuelles Album „Seite an Seite“ und die gleichnamige Single sind auf einem ähnlich guten Weg.

Vielleicht liegt es an den Millionen: Max Giesinger, 27-jähriger Sänger aus Busenbach, startet gerade durch mit der EM-Version seines Songs „80 Millionen“. Das Lied handelt im Original eindeutig davon, dass er einer Frau begegnet ist, die er toll findet, obwohl Busenbach (in dem Lied) 1000 Einwohner hat (in Wirklichkeit 12 000), das nächste Dorf doppelt so viele und so weiter bis hinauf zu den 80 Millionen, die in Deutschland leben. So viele Menschen – trotzdem hat sie den Max gefunden, und wenn sie sich begegnen, dann leuchten sie auf wie Kometen; eine weitere Analogie zum perfekten Schlager von Christina Stürmer.

Man kann an einigen Stellen staunen über Max Giesingers Werdegang. Als Teenie spielte er bei einer Band namens Deadly Punks, was gar nicht nach deutschem Lied mit Breitenwirkung klingt, selbst mit 20 war er noch auf recht speziellen Pfaden unterwegs – in einer gewissen Bud Spencer Group (deren Namensgeber gerade während der EM gestorben ist; manchmal mischt das Schicksal alles zusammen). Irgendwann kam die Casting-Show, bei ihm war es „The Voice of Germany“, und danach ist sowieso alles anders im Leben eines jungen singenden Menschen.

Giesingers in diesem Frühling veröffentlichtes Deutschpop-Album „Der Junge, der rennt“: sehr gelungen, alle Achtung. In Zeiten der Globalisierung ist natürlich fragwürdig, dass er sich als einen von lediglich 80 Millionen potenziellen Partner/innen seiner Finderin sieht, also einen von allen, die in unserem Land wohnen. Mag sie keine Ausländer? Andererseits: Wenn er gesungen hätte: „Wie hast du mich gefunden? / Einer von acht Milliarden“, und wenn er das in der EM-Version umgedichtet hätte: „Ihr seid nicht alleine / Hinter euch stehen acht Milliarden“, dann wäre das Lied womöglich nicht der EM-Song geworden, auf den sich die Deutschen zurzeit einigen können.

Das ZDF hätte gern, dass „Wir sind groß“ von Mark Forster der EM-Song der Deutschen wäre. Dafür tut die Anstalt alles – Forster ist häufiger auf dem Bildschirm zu sehen als Manuel Neuer, Thomas Müller und Jerome Boateng zusammen, und natürlich hat auch er ein neues Album draußen, „Tape“. Es ist hiphoppig, ein bisschen jazzig sogar, ein bisschen nostalgisch sowieso, darauf deutet schon der Titel hin.

Das Tape, die gute, alte Musikkassette, löst viel aus in den Köpfen der Babyboomer, die fast doppelt so alt sind wie Mark Forster, der Mann mit der Schildmütze. Er ist der deutsche Erfolgssänger der vergangenen zwei, drei Jahre („Au revoir“, „Flash mich“). An ihm lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie die Grenzen zurzeit verschwimmen zwischen dem Schlager und dem coolen deutschen Pop-/Rock-/HipHop-Song. Deutsche Texte sind so normal geworden im Radio, wie man es sich vor 20 Jahren im Traum nicht hätte vorstellen können. Sie sind durchaus anspruchsvoller als der Hossa!-Sprech von einst, als das knallrote Gummiboot, Blue Bayou, Weiße Rosen aus Athen, nächtliche Atemlosigkeit oder der als Mann fürs Leben erwünschte Cowboy. Aber deutsche Texte funktionieren nicht immer.

Als Cowboy geriert sich zurzeit ein Mann namens Michy Reincke auf dem Cover seines im Juni veröffentlichten Albums „Sie haben den Falschen“. Und singt: „Nur wenn du so was wie dich / bei mir herumliegen lässt / wie soll ich mich da wehren? (…) / Ich bin so glücklich, lichterloh (…) / Oh und so glücklichterloh“. Übrigens mit derart uncowboyhafter Stimme, dass der Albumtitel schon mit dem ersten Lied bewiesen ist – da haben wir leider dem Falschen.

Daher zum Schluss noch etwas sehr Richtiges: Von Wegen Lisbeth – das ist der Name einer Berliner Indie-Band, die schöne Lieder spielt und clevere deutsche Texte singt. Ihre Vorab-Clips laufen gut im Internet und vermitteln Botschaften mit Nutzwert: „Mach was du willst – aber bring nie wieder deine neuen Freunde in meine Kneipe“. Oder: „Gespräche über guten Milchschaum haben keine Existenzberechtigung“.

Im Juli erscheint das Album „Grande“. Es ist die konsequente Weiterentwicklung einer Zusammenarbeit, die im Alter von 13 Jahren im Keller mit Songtiteln begann wie: „Mein Kieferorthopäde ist ein Henker“. Auch dies eine unwiderlegbare Wahrheit, wie jeder bestätigen wird, der mit 13 schiefe Zähne hatte. Von Wegen Lisbeth spielt mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Heimtrainer, Puppenküche, elektrischer Harfe und zweistimmigem Gesang. Im Herbst geht die Band auf große Deutschlandtour. Dann hat der Schlager Pause.

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