+
Coco Schumann ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Coco Schumann

Die Musik konnte nichts dafür

  • schließen

Zum Tode Coco Schumanns, "Ghetto-Swinger" und einstiger E-Gitarrist.

Heinz Jakob Schumann wäre am liebsten einfach Musiker gewesen. Einige Male im Leben ist ihm das auch gelungen, zumindest für eine gewisse Zeit.

Geboren wurde er am 14. Mai 1924 in Berlin. So lange er sich erinnern konnte, hatten Musikinstrumente immer eine starke Anziehungskraft auf ihn. „Wenn ich als Kind ein Klavier sah, war ich nicht mehr zu halten – ich musste spielen“, erzählte er. Mit 13 bekam er von einem Cousin dessen Wandergitarre, von da an war er Gitarrist. Außerdem wurde er Mitglied in dem jüdischen Sportverein Bar Kochba in Berlin-Zehlendorf und lernte Boxen. 

Als Teenager geriet er in eine Gruppe von Jugendlichen, die sich für den Swing begeisterten, die Duke Ellington und Teddy Stauffer und Ella Fitzgerald hörten. Von da an war Schumann dieser Musik verfallen. Er wurde einer der ersten Jazz-Gitarristen in Berlin und spielte in Nachtclubs. Natürlich illegal, gleich mehrfach: Erstens war er Anfang der vierziger Jahre viel zu jung für eine solche Arbeit; zweitens war die Musik, die er spielte, unerwünscht und bald auch illegal, und drittens war er Jude und hatte ohnehin generelles Auftrittsverbot. Eine französische Freundin, die „Heinz“ unaussprechlich fand, verniedlichte seinen zweiten Vornamen zu „Coco“. So kam er zu seinem Künstlernamen.

Coco Schumann lernte von verschiedenen Lehrern und im allabendlichen Bühnen-Ernstfall beim Spielen mit den verschiedensten Musikern. Den Swing, davon war er tief überzeugt, müsse man im Blut haben, und zwischen Swing und Klezmer sah er immer eine enge Verwandtschaft. Als die ersten Bomben auf Berlin fielen, verfügte er über ein reichhaltiges Repertoire an amerikanischen Swing-Nummern und lebte ohne Untergrund-Gefühl und klandestines Gebaren in der Öffentlichkeit der Hauptstadt. 

Irgendwann wurde er doch verraten und deportiert – nicht ins Vernichtungslager Auschwitz, sondern nach Theresienstadt. Er wurde Mitglied bei der Lagerband „Ghetto Swingers“ und wirkte bei dem Propagandafilm mit, der der Weltöffentlichkeit ein intaktes jüdisches Leben im Deutschen Reich vorgaukeln sollte. Als er, nach dem Ende der Dreharbeiten, nach Auschwitz deportiert wurde, wurde er dort Mitglied einer Lager-Band, die zu den makabersten Anlässen spielen musste. „Die SS-Männer“ erinnerte er sich, „wollte immer ,La Paloma‘ hören.“ 1945 wurde Schumann nach Kaufering deportiert, auf den Todesmarsch nach Innsbruck geschickt, bis die Amerikaner ihn befreiten.

Coco Schumann ging wieder nach Berlin und spielte Gitarre. Berlin konnte, fand er, schließlich nichts dafür, und die Musik erst recht nicht. Einen seiner ersten großen Auftritte hatte er 1946 in der Begleitband von Marlene Dietrich. Über seine Zeit in den Lagern schwieg er meistens: „Ich habe Angst vor der Betroffenheit gehabt. Ich bin Musiker, ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der Musik macht“. Er reüssierte, war der erste Gitarrist mit elektrisch verstärktem Instrument in Deutschland. Die frische Jazzbegeisterung beförderte seine Karriere. 

1950 waren seine Zweifel an dem Land, in das er zurückgekehrt war, so massiv, dass er mit seiner Frau nach Australien auswanderte. Nach vier Jahren trieb ihn das Heimweh wieder nach Berlin. Er spielte seine amerikanische Musik, wirkte in einem Film von Heinz Erhardt mit, trat mit Roberto Blanco auf, mit Helmut Zacharias und Bully Buhlan. Coco Schumann spielte die Stimmungskanone. Als der Rock’n’Roll den Swing zu verdrängen begann, wich er auf Kreuzfahrtschiffe aus und spielte Tanzmusik. 

Aber Coco Schumann war eben doch nicht einfach ein nur vom Swing beseelter Musiker. Er war auch ein glücklicher Überlebender der Nazi-Verfolgung; dieser Zeit seines Lebens widmete er sich 1997 in seiner Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“. Seine Musik ist davon immer merkwürdig unberührt geblieben. Coco Schumann starb am vergangenen Sonntag im Alter von 93 Jahren in Berlin. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion