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„Es wird ein Experiment“, sagt Maarten van Leer.

Interview

„Musik kann eine Grundstimmung ändern“

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Der Wiesbadener Dirigent Maarten van Leer organisiert Konzerte für den Frieden und plant im Winter eine Tour in den Iran.

Maarten van Leer, 1960 in Huizen in den Niederlanden geboren, hat in Utrecht Musikwissenschaften, Chorleitung und Schulmusik studiert. Er unterrichtet in Wiesbaden. „Music for peace“ heißt das Projekt, mit dem der Dirigent van Leer und seine Mistreiter seit mehr als 20 Jahren die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach in die Welt tragen – mit internationalem Chor und Orchester. Sie haben in Frankfurt, Paris und Wien gesungen, in der KZ-Gedenkstätte Dachau und in Jerusalem. Ihr nächstes Ziel ist der Iran.

Herr van Leer, Sie planen Konzerte für den Frieden in drei iranischen Städten. Was wollen Sie erreichen?
Durch Musik, durch das Singen mit Freude wird der Gedanke eines friedlichen Miteinanders vermittelt. Wir singen die h-Moll-Messe von Bach. Man nennt sie h-Moll-Messe, aber die meisten Stücke stehen in D-Dur. Es ist eigentlich eine jauchzende Musik, die den Text der christlichen Messe benutzt, aber eine universale Aussage hat über die Grenzen des christlichen Dogmas hinaus. Dieses Stück ist ein ganz besonderes Stück. Es wird etwas zutiefst Menschliches berührt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Musik eine tiefe Wirkung hat.

Was bedeutet das? Ist sie in der Lage, politische Spannungen abzubauen?
‚Ja, ich glaube das wirklich. Musik kann bewirken, dass eine Grundstimmung sich verändert. Diese Grundstimmung beeinflusst die Ansichten und Meinungen. Sie beeinflusst, ob man sich aneinander reiben muss oder sich gegenseitig finden will.

Nun sind die Spannungen um den Iran besonders groß, nicht zuletzt durch die Überlegungen in den USA, militärisch einzugreifen. Wie groß ist Ihre Sorge, im Iran in Schwierigkeiten geraten zu können?
Das war natürlich Thema im Vorstand unseres Vereins „Music for peace“, auf Deutsch heißt er „Musik für Frieden und Völkerverständigung“. Es gab Zweifel, ob es für uns sicher ist im Iran. Meine Frau und ich sind mit einem befreundeten Ehepaar dorthin gereist, um vorzufühlen. Entgegen der allgemeinen Meinung sind wir nicht nur wunderbaren Kulturschätzen begegnet, sondern wir sind total interessiert und offen aufgenommen worden. Die Menschen, denen wir begegnet sind, sind froh, dass wir kommen wollen. Man merkt, dass das Land leidet unter dem ökonomischen Druck.

Welche Zusammenarbeit gibt es mit der iranischen Seite?
Ich stehe im Kontakt mit iranischen Musikern und mit dem Chefdirigenten des Teheran Sinfonie-Orchesters. Dort können wir möglicherweise professionelle Musiker zur Unterstützung bekommen und auch große Musikinstrumente, etwa Kontrabässe oder ein Cembalo. Unser Plan ist, im Winter 2020/21 mit unserer Musik in den Iran zu reisen. Wir wollen auch eine Brücke schlagen zur iranischen Musik. Zwischen den Sätzen von Bach wollen wir iranische Musiker einladen, mit ihrer improvisierenden Musik die Übergänge zu spielen, etwa zwischen dem „Erbarme Dich“ und dem „Gloria“ von Bach. Es wird ein Experiment.

Wer sind Ihre Sänger und Musiker?
Es ist eine Mischung aus Laien und professionellen Musikern. Die Solo-Partien, sowohl die Arien als auch die instrumentalen Partien, müssen von Profis gesungen und gespielt werden. Natürlich gibt es einen Unsicherheitsfaktor. Aber wir möchten diese Reise gerne anstoßen. Wir werden demnächst schauen, wie viele Interessenten wir finden, die wirklich sagen: Wir fahren mit. Bei unseren vergangenen Reisen waren wir mit rund 100 Sängern und 30 Musikern unterwegs.

Vor drei Jahren waren Sie mit einem ähnlichen Projekt im Nahen Osten. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Wir wollten nach Jerusalem. Mein mittlerweile verstorbener spiritueller Lehrer Pir Vilayat Inayat Khan, der die Vision eines Konzerts der h-Moll-Messe mit Laien hatte, hat gesagt: Wenn in Jerusalem ein friedliches Miteinander möglich wird, könnte das einen Welleneffekt haben. Wir haben diese Reise 2016 realisiert und sind nicht nur in Jerusalem aufgetreten, sondern auch in Bethlehem in der Westbank. Wir haben uns mitten in eine politische Auseinandersetzung begeben und haben sie wahrgenommen. Aber wir haben uns nicht für oder gegen die eine oder andere Seite entschieden. Wir hatten zwei israelische Musiker im Orchester dabei, die zum ersten Mal in ihrem Leben in Bethlehem waren. Das ist nur 25 Kilometer von Jerusalem weg. Sie fanden es wunderbar und haben nicht verstanden, warum sie nie dorthin durften. Diese Grenzen sind etwas völlig Unnatürliches. Viele Menschen versuchen, Brücken zu bauen, aber das ist ein langer Weg.

Sie wollen auch Brücken bauen?
Ich habe lange und oft darüber nachgedacht, ob das nicht anmaßend ist: Jetzt komme ich als Musiker und meine, da etwas tun zu können. Vielleicht ist es anmaßend. Aber Musik ist meine Art, andere Menschen zu berühren.

Der politische Konflikt um den Iran ist teilweise religiös motiviert. Man könnte auch zwischen die religiösen Fronten geraten.
Wir haben 1996 die h-moll-Messe in der KZ-Gedenkstätte Dachau gespielt, im Gedenken an Noor, die Schwester von Pir Vilayat Inayat Khan, die als Widerstandskämpferin 1944 in Dachau ermordet wurde, und im Gedenken an alle Menschen, die wegen ihres Glaubens oder ihrer Überzeugungen verfolgt werden. Bei diesem Konzert in Dachau und bei den folgenden Konzerten haben wir Vertreter verschiedener Religionen eingeladen. Sie haben zwischen der Musik ein Friedensgebet gesprochen oder gesungen und so den Gedanken des friedlichen Miteinanders sichtbar gemacht. Im Iran wird die Begegnung und das gemeinsame Musizieren mit iranischen Musikern im Vordergrund stehen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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