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„Was mach ich da eigentlich?“ Hubert von Goisern.

Hubert von Goisern

„Musik ist viel größer als Politik“

  • vonMichael Schleicher
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Der Musiker Hubert von Goisern über das kreative Alleinsein und den Songschreiber als Akteur.

Hubert von Goisern, im neuen Album steht, dass es Sie bereits im Herbst 2019 „vor dem Jahr 2020 gegraust“ hat.

Das war ein Gefühl, das ich nicht benennen konnte. Ich habe es darauf zurückgeführt, dass ich mit „Flüchtig“ meinen ersten Roman rausbrachte – und nicht wusste, ob ich zerrissen werde.

Was nicht geschehen ist.

Stimmt. Aber ich wusste eben nicht, wie die Reaktionen ausfallen, wenn ein Musiker zum Schriftsteller wird. Außerdem habe ich am Album gearbeitet und war unsicher, was herauskommen wird. Und wir wollten auf Tour gehen.

Sie hatten Sorge, dass es zu viel werden könnte?

Ja, dass ich den Arbeiten in ihrer Größe und Dichtheit nicht gewachsen sein könnte. Ich habe mich in den vergangenen vier Jahren zurückgezogen und mich in dem kreativen Alleinsein sehr wohlgefühlt.

Die Ausgangsbeschränkung während des Corona-Lockdowns war da für Sie leicht zu ertragen?

Ja. Ja, das ist der Normalzustand für mich. Plötzlich hat er für alle gegolten. (Lacht.)

Viele Menschen sagen, sie hätten in dieser Zeit bewusster gelebt. Sie auch?

Für mich war das – wie für alle anderen auch – ein wirklicher Ausnahmezustand. Mir ist das entgegengekommen, denn ich suche Zustände und Empfindungen, die neu sind, die mich an meine Grenzen bringen, sodass ich kreativ werden muss, um damit zurechtzukommen. Das war insofern ein Geschenk.

Wenn Sie bei der Arbeit am Roman eine Pause brauchten, haben Sie Zuflucht in der Musik gefunden. Klingt das neue Album deshalb so abwechslungsreich?

Ja. Eigentlich habe ich während der ersten Schreibphase nicht am Album gearbeitet. Aber ich habe mich immer wieder am Instrument gefunden und gedacht: „Ach, das ist aber lässig. Was mach’ ich da eigentlich? WAS MACH’ ICH DA EIGENTLICH?! Ich sollte doch schreiben!“ Aber ich habe die Dinge notiert, die mir gefallen haben. So sind sehr viele musikalische Einfälle zu denen gekommen, die schon da waren. Eine Nummer, die urlange in meinem Kopf war, ist die Goethe-Vertonung „Glück ohne Ruh“. Die stammt von ’87. Die anderen basieren auf Ideen, die über vier Jahre daherkamen. Dadurch sind in der Musik so viele verschiedene Lebensgefühle drin, die man eben im Lauf der Zeit hat.

Was wäre hinzugekommen, wenn es Corona schon gegeben hätte, während Sie an der Platte gearbeitet haben?

(Pause.) Das kann ich nicht sagen. Obwohl sehr viel Ernsthaftigkeit, Düsternis, auch Abgründiges drinnen ist, gerade in den ersten drei Titeln, hat das Album dennoch eine Leichtigkeit. Ich weiß nicht, ob ich diese Leichtigkeit hineingebracht hätte, wenn es in der Corona-Zeit geschrieben worden wäre.

Sie haben die ersten drei Titel erwähnt. Ich würde gern über den ersten Song, „Freunde“, sprechen: eine berührende Verneigung vor dem im KZ ermordeten Librettisten Fritz Löhner-Beda.

Der Tenor Andreas Schager und ich wollten was gemeinsam machen – und haben uns auf dieses Lied geeinigt. Als ich schaute, ob die Bearbeitungsrechte frei sind, bin ich auf den Namen Löhner-Beda gestoßen. Ich kenne die Musik von Franz Lehár, für den er viel geschrieben hat, in- und auswendig, habe mich aber nie ums Kleingedruckte gekümmert. Als ich gesehen habe, dass Löhner-Beda 1942 gestorben ist, war klar, dass sich dahinter ein schlimmes Schicksal verbergen muss. Ich habe sein Leben recherchiert, danach wusste ich, dass ich die Nummer nicht so machen konnte, wie ich es vorhatte. Entweder erzähle ich seine Geschichte – oder ich lass es ganz. Ich habe mich für Ersteres entschieden, aber es war eine schlimme Zeit, das zu durchdringen in all seiner Tragik und dem Wahnsinn.

Inwiefern?

Ich habe um die nationalsozialistische Zeit immer einen Bogen gemacht. Ich weiß, dass es sie gab – aber ich suche die Themen nicht, weil mich das runterzieht. Jetzt hat sich diese Geschichte vor mir auf den Boden gelegt, und ich habe sie aufgehoben und mich mit ihr beschäftigt.

Zur Person:

Hubert von Goisern, geboren 1952 in Bad Goisern am Hallstättersee, Oberösterreich, eigentlich Hubert Achleitner, ist ein österreichischer Musiker und Vertreter der sogenannten Neuen Volksmusik.

Sein Debütroman „Flüchtig“ (Zsolnay Verlag) erschien im Frühjahr unter dem Namen Hubert Achleitner. Und jetzt kam das Studioalbum „Zeiten & Zeichen“ heraus, sein erstes seit fünf Jahren. In diesen Tagen hätte er eine Tournee gestartet, nach vier Jahren Pause wollte Hubert von Goisern wieder auf die Bühne.

Hubert von Goisern: „Zeiten & Zeichen“ (Blanko Musik). Konzerttermine für 2021 unter www.hubertvongoisern.com

Im Lied geht es um die Freundschaft zwischen Löhner-Beda und Lehár – und wie sie zerbricht. Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Freundschaft ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Und das Wichtigste an ihr ist das Moment des Korrektivs. Mindestens so wichtig wie ein positives Feedback von seinen Freunden zu bekommen, ist, dass man ein Feedback bekommt, wenn man nicht auf dem richtigen Weg ist. Ohne den Anspruch zu haben, dass man erhört wird. Aber es gibt Situationen, in denen man eine Aussprache oder einen Halt nötig hat – dafür braucht man Freunde.

Stichwort: Halt geben. Müssten wir uns heute stärker füreinander einsetzen?

Ich glaube, wir müssen uns als Gesellschaft engagieren für die Schwachen und jene, denen es nicht gut geht. Ich bin fassungslos, wenn ich Berichte sehe über Leute, die zu den Tafeln gehen müssen, um Lebensmittel geschenkt zu bekommen. Es ist unglaublich, dass es auf einem reichen Kontinent wie Europa Armut gibt! Da müssen wir alle solidarisch sein, teilen, unterstützen. Nur weil wir jetzt wegen Corona zwei Monate die Produktion zurückgefahren haben, heißt das nicht, dass wir arm geworden sind. Das Geld verschimmelt doch auf irgendwelchen Islands.

So politisch wie in den ersten drei Liedern des neuen Albums waren Sie noch nie, oder?

(Denkt nach, dann zögerlich.) Ja.

Sie zögern?

Ich mag eigentlich keine Singer-Songwriter, die politische Lieder schreiben – oder auch christliche. Ich finde es wahnsinnig mühsam, wenn jemand Musik mit einer Botschaft vergewaltigt. Musik ist viel größer als Politik und auch als Religion. Aber mit zunehmendem Alter setzt man sich in zunehmendem Maße mit der Gesellschaft auseinander und merkt, dass man nicht nur Beobachter ist, sondern auch Akteur. Ich habe schon das Gefühl, dass ich auf die Dinge, die mich beschäftigen, reagiere und sie zum Klingen bringe.

Was ist zuerst da? Musik oder Text?

Die Musik. Sie erzählt mir die Geschichte.

Ihre bislang letzte Tour liegt vier Jahre zurück. Was gibt es Ihnen, sich immer wieder solche Auszeiten zu gönnen?

Ich mache Dinge immer zu 100 Prozent – wenn ich zum Beispiel auf Tour bin, bleibt der Rest des Lebens stehen. Ich habe keine Zeit für Freunde, fürs Skifahren oder um in die Berge zu gehen. Das ist okay – solange ich mir irgendwann die Zeit nehme, das nachzuholen. Ich schaffe es nicht, mich dünn aufs Brot zu streichen und nur ein paar Konzerte zu spielen, um zwischendurch anderes zu machen. Da bin ich ein Trennkostler. (Lacht.)

Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, erzählten Sie von zwei Ihrer Träume: einen Roman zu schreiben und eine Oper zu komponieren. Der Roman ist da – kommt jetzt die Oper?

Ich weiß es nicht. Als Nächstes kommt die Tour. Und wenn die vorbei ist, überlege ich mir, was ich dann mache.

Reizt Sie die Oper als Kunstform noch?

Es erschreckt mich die Arbeit, die dafür notwendig ist. Das überwältigt mich, und ich denke: Das kriege ich nicht hin. Solange ich mir das denke, werde ich mich nicht hinsetzen und damit beginnen. Dafür muss ich schon das Gefühl haben, dass es sich ausgehen wird.

Interview: Michael Schleicher

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