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„Musik im Diskurs“: Gemeinsam einander heilen

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Von: Stefan Michalzik

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Mauro Durante und Justin Adams in der Brotfabrik-Reihe „Musik im Diskurs“.

Er eigne sich Musik aus sämtlichen Bereichen an, hat Bill Laswell einmal gesagt. „Wir machen doch eh alle dasselbe.“ Mag auch letzteres viel zu pauschal sein, so sind die vielfältigen Bezüge und Parallelen zwischen den Musikformen aus unterschiedlichen Weltregionen offenbar. Rituelle Praktiken des Trance spielen eine fundamentale Rolle unter anderem in der nordafrikanischen Musik, in asiatischen Musikkulturen und in neuerer Zeit auch beim Technorave.

Um derartige Verbindungen ging es an diesem Abend mit dem italienischen Tambourinspieler und Violinisten Mauro Durante und dem englischen Gitarristen Justin Adams in der Frankfurter Brotfabrik – als Teil der von Jean Trouillet initiierten Reihe „Musik im Diskurs“ im Zuge des Projekts „On the Long Run“. Durante führt das 1975 von seinen Eltern gegründete italienische Folkloreensemble Canzoniere Grecanico Salentino in zweiter Generation weiter, Adams’ Wurzeln liegen im Post-Punk der achtziger Jahre, er spielte bei The Impossible Dreamers und bei Jah Wobbles Invaders of the Heart. Sein Interesse gilt dem Delta-Blues wie gleichermaßen auch jener Musik aus Nordafrika, die bei uns als „Desert Blues“ gehandelt wird. Er hat in Robert Plants Band Sensational Space Shifters gespielt, auf sein Konto als Produzent gehen Alben der Tuareg-Rockband Tinariwen und des aus Gambia stammenden Griots Juldeh Camara.

Gleich in welche Richtung die Musik von Mauro Durante und Justin Adams ausgreift, es baut sich ein atmosphärischer Raum auf. In gewisser Weise ist das eine Feier des – zwiespältiger Begriff im Popdiskurs – „Handgemachten“. Nichts hat es gemein mit einem Muckertum, mag auch etwa Durantes Spiel auf dem Tambourin noch so staunenswert virtuos sein.

Ein jeder Musikstil behauptet sein eigenes Recht, und das geht prächtig zusammen. Da trifft die folkloristische Violine auf eine bluesgetränkte Riffgitarre, da sind süditalienische Sehnsuchtslieder und Pizzica- und Taranta-Tanzrhythmen und auf der anderen Seite der Delta-Blues mit einem unprätentiös gegenwärtigen Dreh. Da ist mal ein Boogie nach der Art von John Lee Hooker, dann prägt eine explizit nordafrikanische Note das Gitarrenspiel. Die Nummer „Djinn Pulse“ weckt Assoziationen zum musikalischen Minimalismus – der ja seinerseits Bezug genommen hat auf asiatische und afrikanische Musikkulturen. Das Repertoire folgt im Wesentlichen dem des Duodebüts „Still Moving“ von 2021.

Das gemeinsame Jammen, so die Musiker eingangs im Gespräch mit Jean Trouillet, sei der Anfang von allem. Der Grundstein ihrer Verbindung gleich bei der ersten Begegnung am Rande der Notte della Taranta in Durantes apulischer Heimatstadt Salerno 2011 wie auch der Ausgangspunkt für ihre Stücke. Es sei das beiderseitige Interesse für Traditionen des Trance, einer kollektiven Praxis der wechselseitigen Heilung, die sie zusammengebracht habe.

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