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Museumskonzert in der Alten Oper Frankfurt: Das Böse, es fesselt

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Von: Bernhard Uske

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Die Alte Oper Frankfurt, Ort der Museumskonzerte, diesmal geleitet von der Dirigentin Anu Tali. Bild: Monika Müller
Die Alte Oper Frankfurt, Ort der Museumskonzerte, diesmal geleitet von der Dirigentin Anu Tali. © Bild: Monika Müller

Das Frankfurter Museumsorchester brilliert mit Schostakowitschs 10. Sinfonie unter Einspringerin Anu Tali.

Es war die erste Sinfonie, die Dmitrij Schostakowitsch nach dem Tod Josef Stalins veröffentlichte: die Sinfonie Nr. 10 in c-Moll. Ein 60-minütiges Werk in jenem mächtigen und schweren Stil, den der Komponist im Laufe der Zeit entwickelt hatte. Eine Art kolossale Leitmotiv-Egozentrik mit den vier Töne-Buchstaben seiner Signatur (D.eS.C.H), aus der man je nach Transponierung viel machen kann. Hier, mit dem Nachlassen des diktatorischen Drucks und der Aussicht auf Lockerungen in Sachen Kunstdoktrin ist eine spezifische Aufhellung entstanden. Sie ist, wie meist bei Schostakowitsch, klangbildszenisch vermittelt.

Das Frankfurter Museumsorchester stand in der Alten Oper unter der Leitung Anu Talis, einer 50-jährigen estnischen Dirigentin, die für den erkrankten Constantinos Carydis eingesprungen war. Ein satter Ton war schon zu Beginn der Sinfonie zu erleben, wo typische, eigentlich fragile und zögerliche Adagio-Linearität beim Komponisten vorherrscht. Das minderte die oft brüchige und monomane Langwierigkeit dieser gedenk- und mitleidensaffinen Klangzüge, die fast 25 Minuten währen. Allerdings einmal von einem mächtig dreinfahrenden Einbruch orchestraler Gewalt mit viel Blech, Streicherturbine, dräuendem Schlagzeug und schrillen Holzbläser-Exklamationen unterbrochen.

Brillanz in allen Sektoren des herausragenden Museumsorchesters war ein Eindruck, dem das hybride, brutalo-futuristische Allegro als Porträt des Widersachers Stalin noch eins drauf setzte. Pikanterweise sind es immer die Partien des Bösen, die Schostakowitschs Klangfuror wunderbarerweise entfachen und dem oft Grobschlächtigen seiner Tutti-Massierungen eine fesselnde Note geben.

Deutlich ins Helle gelangte man dann mit den letzten beiden Sätzen, wo sich das Komponisten-Kürzel gelöst zeigt. Schließlich dann noch in einer Jubel-Stretta: Blechpanzerungen und scheppernde Dur-Akkord-Eruptionen mit Galopp-Rhythmus schienen dem Komponisten dafür geeignet. Es war ein Orchesterfest an präziser Schlaglust und farbgesättigter Streicher- und Bläserplastik – nicht zuletzt dank Anu Tali. Zuvor hatte der pianistische Einspringer für Francesco Piemontesi, der 43-jährige Spanier Javier Perianes, das dritte Klavierkonzert Ludwig van Beethovens gespielt: ebenso virtuos wie intensiv, wunderbar schwebend im langsamen Satz und mit einer perfekt ausziselierten Kadenz im ersten Satz. Ein interessanter Fall von völlig unsichtbar bleibender Anteilnahme, die sich rein instrumental umsetzt. Blendend.

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