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Museumskonzert in der Alten Oper: Alles unter Dampf, ununterbrochen

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Von: Bernhard Uske

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Ein mitreißendes Museumskonzert mit dem Dirigenten Giancarlo Guerrero und dem Geiger Marc Bouchkov.

Bereits nach kürzester Zeit hatte man deutlich den Eindruck, das Museumsorchester in seinem 5. Sinfoniekonzert im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt klinge anders als sonst. Ein körnigeres, offeneres, pointierteres Klangbild würde gezeigt, die Farbigkeit des Verlaufs sei größer und die Sprungbereitschaft in Einsätzen ebenfalls.

Das lag nicht allein an „Alborada del gracioso“, der klangpantomimischen Partitur Maurice Ravels, die für ein Warming-up des Orchesters eigentlich ziemlich diffizil ist. Entscheidend war offensichtlich der Dirigent, dem das Orchester am Ende des Konzerts mit Fußgetrampel applaudierte: Giancarlo Guerrero, der 1969 in Nicaragua geboren wurde und in Costa Rica beheimatet ist. Ein mit Grammys ausgezeichneter Musiker, der wegen Corona erst jetzt wieder in Frankfurt auftreten konnte, wo er bereits für 2020 gebucht war.

Ein die Werkform stark profilierender, rhythmisch exponierter Orchesterleiter, der für das Hauptereignis, das d-Moll-Violinkonzert Aram Chatschaturjans eine Idealbesetzung war. Das 1940 entstandene Werk ist einer der Fixsterne am musikalischen Firmament der einstigen UdSSR gewesen und besteht im Grunde fast vollständig aus Idiomen der armenischen Heimat des damals 37-jährigen Komponisten. Das Ergebnis ist ein enorm treibender, energetisch aufgebrachter Zustand mit plastischen und griffigen Themen, die in klassischer Dreisätzigkeit durchgeführt werden. Das allein schon müsste das Werk zu einem Renner unter den musikalischen Publikumslieblingen machen.

Und doch empfindsam

Der Zuspruch in Frankfurt war denn auch entsprechend und galt besonders dem kongenial erfassten Solopart durch den 31-jährigen Marc Bouchkov aus Montpellier. Einem Belgier mit russisch-ukrainischem Hintergrund. Er spielte die vierzig Minuten, in denen letztlich ununterbrochen alles unter Dampf steht mit Elan und doch empfindsamer Tongebung. Chatschaturjan, dessen ästhetisches Format an sich ohne größere Absicht dem sozialistischen Realismus entsprach, kam trotzdem in Konflikt mit der Zensur, die immer ihre als Weltbild-Dogma getarnte Mischung aus Intriganz und Dummheit beliebig variieren kann. Als Zugabe spielte Bouchkov im Sonntagskonzert ohne weiteren Kommentar eine eigene Komposition auf Grundlage zweier ukrainischer Volkslieder.

Nach der Pause gab es nochmals spanisches Kolorit von Ravel („Rapsodie espagnole“) und Nikolai Rimskij-Korsakow („Capriccio espagnol“): hinreißend und in wachster Verfassung vermittelt durch das Museumsorchester unter seinem inspirierenden Gastdirigenten.

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