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Fan-Bett in der Ausstellung.

Museum für Schwarze Unterhaltung

Ein Schrein für Roberto Blanco

  • vonStefan Michalzik
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Temporär, aber dauerhaft notwendig: Das Deutsche Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music im Frankfurter Museum Angewandte Kunst.

Es geht hier um einen Akt der Antizipation. Von einem Museum im eigentlichen Sinne lässt sich schon allein ob der temporären Präsentationszeit von gerade einmal zehn Tagen (eine zweite Station in Berlin wird folgen) nicht sprechen. „Deutsches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music“ – das klingt repräsentativ. So heißt die unbedingt sehenswerte Arbeit einer Gruppe um die Choreografin und Performerin Joana Tischkau, die offenkundig der Motor ist, sowie die Theaterregisseurin Anta Helena Recke, die Dramaturgin Elisabeth Hampe und den Musikwissenschaftler und DJ-Produzenten Frieder Blume, mit der der Frankfurter Mousonturm im Museum Angewandte Kunst zu Gast ist.

Das ist eine Ausstellung, die der Führung unbedingt bedarf. Ort sind Räume im Souterrain, die Ausstellungsarchitektur aus simplen Sperrholzplatten signalisiert Vorläufigkeit. Bloß drei Teilnehmer pro Durchgang – mehr wäre angesichts der ungeheuren Engwinkligkeit wohl auch ohne die derzeitigen Beschränkungen nicht möglich. Die Unzahl der Zeitschriftentitel und Einzelseiten, von „Bravo“ bis „Playboy“, LP-Hüllen und Fan-Devotionalien schaut man sich mit jener amüsierten Faszination an, die aus der Wiederbegegnung mit solchen zeitgeschichtlichen Objekten resultiert. Was aber dahinter steckt, erschließt sich erst durch die Kontextualisierung, die hier mündlich geleistet wird.

Eine Menge an international erfolgreicher Popmusik mit schwarzen Interpreten ist in Deutschland produziert worden, nicht wenig davon im Rhein-Main-Gebiet; in etlichen Fällen steht Frank Farian dahinter. Bands wie Boney M., Milli Vanilli und Eruption gehören zu den Produkten, die er in Castingmanier ins Leben gerufen und bestimmt hat. Bei den Hiterfolgen handelt es sich nicht selten um Coverversionen, etwa von Titeln aus dem Reggae oder auch HipHop, die auf den Mainstream zugeschnitten worden sind.

Um mit Blick auf Milli Vanilli Internationalität zu suggerieren, wurde eine Wohnung in London für das Duo angemietet, wohin die Presse eingeladen wurde. Später ist bekanntlich aufgeflogen, dass Milli Vanilli ihre Nummern gar nicht selber gesungen haben. Das auf die amerikanische HipHop-Crew Numarx zurückgehende Original zu ihrem globalen Hit „Girl You Know It’s True“ hatte Farian erstmals in dem legendären Frankfurter Discoclub Funkadelic gehört, wo er sich viele Anregungen von den DJs holte. Dort verkehrten viele schwarze GIs; Musiker wie Sidney Youngblood und Terence Trent D’Arby waren als amerikanische Soldaten nach Deutschland gekommen, ihre Weltkarrieren nahmen von hier aus ihren Ausgang. Moses Pelham ist natürlich ein Kapitel, als Teil von Rödelheim Hartreim Projekt wie auch als Produzentenpate hinter den Karrieren von unter anderem Sabrina Setlur und Xavier Naidoo.

Auf den ersten Blick verblüffend erscheint, dass sich auf der Tafel mit der langen Künstlerliste am Eingang auch der Name der amerikanischen Opernsängerin Jessye Norman findet. Doch die habe, ist auf Nachfrage von Joana Tischkau zu erfahren, viel in Deutschland gelebt und gearbeitet, das sei das Kriterium. Ein „Schrein“ (Tischkau) gilt Roberto Blanco. Als der Entertainer Mitte der siebziger Jahre eine eigene Fernsehshow hatte, wurde er unsäglicherweise dahingehend kritisiert, dass er kein akzentfreies Deutsch spreche – was er souverän mit einem Verweis auf die Aussprache von Rudi Carrell konterte, über die sich ja auch niemand mokiert habe. Ein Raum gilt den schwarzen Moderatoren in Deutschland; ein Fanzimmer ist eingerichtet mit Posters, Bettwäsche und anderen Devotionalien zu der gecasteten Girlgroup Tic Tac Toe.

Eines der frühesten Exponate verweist auf die Schlagersängerin Marie Nejar, die in der Zeit des Nationalsozialismus als dunkelhäutige Statistin in Filmen der UFA eingesetzt wurde und in den fünfziger Jahren unter dem Künstlernamen Leila Negra ihrem Alter gar nicht mehr gemäß als Kinderstar vermarktet wurde. Schlusspunkt ist das Jahr 2005. Mitte der nuller Jahre, so Joana Tischkau, sei ein grundlegender Wandel zu verzeichnen gewesen. Ob eines Demokratisierungseffekts durch das Internet konnten die Künstlerinnen und Künstler zunehmend die Verfügungsgewalt über ihre Selbstinszenierung, ihr Image in die eigene Hand nehmen.

Ausgesprochen bedauerlich ist es, dass man doch sehr, sehr zügig durch die Ausstellung geschleust wird. Es bleibt, anders als in einem tatsächlichen Museum, kaum Zeit zum Verweilen und zur individuellen Betrachtung zwischen den rund 250 Objekten. Das wird erst ein wirkliches Museum leisten können.

Museum Angewandte Kunst , Frankfurt: bis 3. September.

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