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Mulatu Astatke in Melbourne.

Neues Album

Ein ideales Angebot an den Rap

  • vonStefan Michalzik
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Das wird zu einem großen Strom: Mulatu Astatke, Black Jesus Experience und das Album „To Know Without Knowing“.

Der äthiopische Vibraphonist und Komponist Mulatu Astatke gilt als Vater des „Ethio-Jazz“. Mit seiner zumeist instrumentalen Musik hat er sich in den 70er Jahren einen Ruf als „König der Arrangeure“ erworben. International wurde er einem über Kenner hinausgehenden Publikum durch den Soundtrack zu Jim Jarmuschs Hollywooderfolg „Broken Flowers“ (2005) bekannt. Astatke zufolge soll Jarmusch nach einem Auftritt des Musikers in New York gesagt haben, er habe noch nie solche bittersüßen Klänge gehört.

Geboren 1943 in der westäthiopischen Stadt Jimma, studierte Mulatu Astatke in Großbritannien Ingenieurwesen, ging dann in die USA und studierte von 1963 an als erster afrikanischer Student am renommierten Berklee College of Music in Boston. „Ich bin für alle Experimente offen, solange Jazz die Grundlage bildet“, legte er fest, als die mit schwarzen und weißen Hipstern besetzte Londoner Band The Heliocentrics den Pionier zu einer Zusammenarbeit („Inspiration Information“, 2009) einlud. Die aus dem australischen Melbourne stammende Black Jesus Experience zog nach, mit „To Know Without Knowing“ liegt nun bereits das zweite gemeinsame Album vor. Ein Meisterwerk, eingespielt zwischen der äthiopischen Metropole Addis Abeba und Melbourne. Ungeachtet seiner unzähligen panafrikanischen wie auch westlichen Segmente hebt es sich erfreulich von einer unverbindlichen Mixtursauce ab.

Das Album

Mulatu Astatke & Black Jesus Experience: To Know Without Knowing. Agogo-Records/Indigo.

Gleich in der ersten Nummer, schlicht „Mulatu“ genannt, fällt nach einem langen instrumentalen Teil aus dem Mund des Rappers Elf Transporter das Wort „Decolonisation“. „Living on Stolen Land“ indes, mit dem Rapper Liam „Monk“ Monkhouse am Mikrofon, gilt den australischen Aborigines. In anderen Nummern, mit den Sängerinnen Enushu Taye und Vida Sunshyne, klingt Call-and-Response-Gesang ebenso an wie afrikanische Triller.

Klangsatt und differenziert

Die furiose Musik von dem auch am Wurlitzer-Piano und den Congas in Erscheinung tretenden Mulatu Astatke und der „Global Funk“-Band The Black Jesus Experience um den Tenorsaxofonisten Peter Harper ist so klangsatt wie musikalisch differenziert. 17 Musiker werden aufgelistet, sie stammen aus Marokko, Simbabwe, aus der Maori-Bevölkerung Neuseelands, Äthiopien und Australien. Pentatonische Skalen treffen auf Wah-Wah-Gitarren. So eigenständig jedes der neun Stücke ist, sie fügen sich zu einem großen Strom über eine Stunde hinweg. Jazz als Grundlage, das gilt auch hier, gleich in welche Richtung zwischen Afrobeat, Funk und HipHop die Musik gerade ausgreift.

Derart selbstverständlich, wie das alles zusammengeht, erinnert das ein wenig an das Projekt Jazzmatazz des Rappers Guru in den 90er Jahren. Das ist kein Wunder. Bei der Wiederbegegnung mit Mulatu Astatkes Klassiker „Mulatu of Ethiopia“ (1972) lässt sich feststellen, dass die Funkgrooves seiner wegweisenden afrikanisch-polyrhythmischen Ausformung des psychedelischen Fusionjazz ein ideales Angebot an den Rap darstellen – was HipHop-Musiker wie Common, Cut Chemist, Four Tet, Quantic, Nas oder auch der Reggaemusiker Damian Marley gerne angenommen und immer wieder Samples aus Astatkes Musik gezogen haben.

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