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David Moufang, auch bekannt als Move D, kritisiert, dass Soloselbstständige und Künstler in Deutschland zu wenig Unterstützung bekämen.
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David Moufang, auch bekannt als Move D, kritisiert, dass Soloselbstständige und Künstler in Deutschland zu wenig Unterstützung bekämen.

Corona-Pandemie

Interview mit dem DJ Move D: „Man hat das Gefühl, als Soloselbstständiger Bürger zweiter Klasse zu sein“

  • Moritz Serif
    vonMoritz Serif
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David Moufang, auch bekannt als Move D, ist unzufrieden darüber, wie in Deutschland mit Soloselbstständigen umgegangen wird. Ein Interview.

Move D ist ein international bekannter Komponist, Klangkünstler, Musiker, Musikproduzent, DJ und Techno-Produzent (Ambient, Downtempo, Leftfield, House, Techno, Minimal) aus Heidelberg. Vor allem sein 1995 erschienenes Album „Kunststoff“ gilt immer noch als wegweisend für das Genre.

Neben seiner Arbeit als Produzent und DJ komponiert Moufang immer wieder auch Hörspiele im experimentellen Radio des „Bayerischen Rundfunks“. Von 2002 bis 2007 war Move D zudem Lehrbeauftragter an der Bauhaus-Universität Weimar in der Fakultät Medien am Lehrstuhl für Experimentelles Radio im Studiengang Mediengestaltung.

Wenn Corona nicht wäre, würde Move D aktuell auf der ganzen Welt Platten auflegen. Besonders vom Bundesland Baden-Württemberg wünscht sich der Musiker viel mehr Unterstützung.

fr.de: David, du bist eine der prägendsten Figuren in der elektronischen Szene. Wann war dein letzter Gig? 

Meinen letzten „richtigen“ Auftritt hatte ich vergangenes Jahr am 6. März in Bristol, kurz bevor der Lockdown in Deutschland bevorstand. Von dem Coronavirus hatte ich bereits kurz vor Silvester erfahren. Um ehrlich zu sein, habe ich die Tage bereits gezählt und darauf gewartet, dass bald Schluss sein wird. Mir war auch bewusst, dass das für eine lange Zeit so bleiben wird. Seit dem Auftritt in Bristol wurden die Gigs seltener. In Basel habe ich noch in einem Club aufgelegt.

Davor habe ich in im Februar in Mexiko auf dem Bahidora Festival gespielt. Da neue Regeln eingeführt wurden, wie beispielsweise die Quarantäne, hatte ich große Angst davor, dort bleiben zu müssen. Im Endeffekt ging der Gig doch noch über die Bühne. Das ganze Festival war ein Traum - insbesondere aus der Lockdown-Perspektive.

Ansonsten wurden ausnahmslos alle Gigs abgesagt bzw. Flüge von der Lufthansa storniert. Gigs, die ich noch spielen konnte, fanden natürlich unter Corona-Bedingungen statt. Das heißt bestuhlt und ohne Tanzen. Bei Streaming Events gab es meist gar kein Publikum.

Wie viele Auftritte hast du Pi mal Daumen normalerweise in einem Jahr?

Irgendetwas zwischen 80 und 120. Generell habe ich nie weniger als 60 Auftritte im Jahr gehabt. Auch während meiner Vaterzeit nicht.

Hast du bislang Entschädigungen vom Bundesland Baden-Württemberg erhalten?

Nur die Soforthilfe für Selbstständige zu Beginn der Pandemie. Das waren 9000 Euro für März, April und Mai 2020, die übrigens sehr schnell und unbürokratisch auf meinem Konto eingegangen sind. Dennoch bemängele ich, dass es sechs Monate gedauert hat, bis ich überhaupt eine Rückmeldung auf meinen Folgeantrag auf Verdienstausfall bekommen habe. Als ich mich erkundigt habe, hieß es, dass ich nicht nachfragen solle. Außerdem hab ich keine Hinweise auf weitere Hilfsprogramme bekommen. Das wäre menschlich gewesen.

Stattdessen lehnte Baden-Württemberg sämtliche Ansprüche ab. Das ist frustrierend. Wenn ich nur DJ wäre, wäre ich schon längst auf Hartz IV angewiesen. In erster Linie bin ich nämlich Musiker. Deshalb habe ich noch Rücklagen - ich bin nicht bei null. Anderen geht es wesentlich schlechter als mir. Nach der Ablehnung habe ich deshalb als erstes einige ältere Rechnungen gestellt. Mich frustriert aber, dass ich eine halbherzige und meiner Meinung nach nicht in allen Punkten fundierte Antwort bekommen habe.

Weshalb lehnt das Land Baden-Württemberg deine Forderungen ab?

Laut des Infektionsschutzgesetzes muss man Ausscheider, Ansteckungsverdächtiger, Krankheitsverdächtiger oder sonstiger Träger des Coronavirus sein und unter Quarantäne stehen. Das war bei mir nicht der Fall. Das Ding ist aber, dass es mir aufgrund der Reisewarnungen und Verbote faktisch nicht möglich war, in andere Länder zu reisen und dort zu spielen. Hinzu kam auch, dass die Flüge von den Fluggesellschaften abgesagt wurden.

Was es auch schwierig macht mit den Hilfen, ist die Umsatz-Regelung. Meine Auslandsreisen und Auftritte werden mir nämlich nicht angerechnet, obwohl ich dafür Steuern zahle. Es gab sogar Vorauszahlungen an mich wegen der Auftritte. Die musste ich aber natürlich zurückzahlen. Es wird einem also nicht leicht gemacht. Bekannte von mir mussten in Vollzeit recherchieren, um bei dem Regel-Dschungel durchzublicken. Ich hätte mir über die Elster-Seite des Finanzministeriums eine Checkliste gewünscht. Positiv sehe ich, dass es bei den November- und Dezemberhilfen leichter werden könnte.

Hast du bereits einen Antrag gestellt?

Das Ganze läuft über meinen Steuerberater. Mein Problem ist, dass die Steuererklärung von 2019 vorliegen muss. Normalerweise würde ich die nämlich erst jetzt abgeben. Der Antrag liegt also noch auf Halde.

David, lass uns noch mal zurück zu deinem negativen Bescheid kommen. Welche Position vertreten deine Anwälte? Zieht ihr auch in Erwägung, das Bundesverfassungsgericht anzurufen?

Man hätte wohl nur Aussicht auf Erfolg, wenn es eine Sammelklage gäbe. Sonst bleibt mir natürlich die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Ich vertrete die Meinung, dass es aktuell ein faktisches Berufsverbot gibt. Auf Facebook habe ich einen Post verfasst, den du auch gelesen hast, und meine Lage dargestellt. Daraufhin habe ich viele Tipps und Unterstützung bekommen.

Move D bei einem Auftritt.

Kennst du noch weitere Künstler:innen in Baden-Württemberg, denen es ähnlich geht wie dir?

Anderen DJ-Freund:innen von mir bleibt nur Hartz IV. Ibrahim Alfa ist einer von ihnen und lebt von Stütze und in einer Sozialwohnung in Großbritannien. Am Ende bleiben ihm 50 Pfund im Monat. Ibrahim hat die Option, sich etwas zu kochen oder Elektrizität zu nutzen und bewegt sich am Rande der Menschenwürde. Gegen Ende des Monats geht ihm nämlich regelmäßig der Strom aus. Einen Job zu finden, der seinen Qualifikationen nahekommt - das kann er aktuell komplett vergessen. Auch, wenn das natürlich etwas mit Stolz zu tun hat.

Gleichzeitig wird die Lufthansa gerettet und die Bundesliga läuft weiter.

In der Bundesliga werden täglich Schnelltests verballert bis zum Gehtnichtmehr. Adidas wurde die Miete teilweise, wenn auch kurzfristig erlassen. Daraufhin gab es ein negatives Echo. Wenn ich das bringen würde, würde ich rausfliegen. Außerdem kritisiere ich, dass die Phase im Sommer nicht konsequent genutzt wurde, um eine Langzeitstrategie zu entwickeln. Immer noch haben wir es mit massiven Corona-Ausbrüchen in Altenheimen zu tun. In den Zügen und den U-Bahnen sitzen die Menschen sich auf der Pelle. Trotzdem bin ich sehr dankbar dafür, dass es einen Impfstoff gibt und ich habe keine Bedenken, dass sich die Menschen impfen lassen.

Was könnte die Bundesregierung deiner Meinung nach besser machen?

Die Pandemie hat uns einmal mehr gezeigt, dass wir in unser Gesundheitssystem investieren müssen. Außerdem sollte die Regierung Biontech und Pfizer zur Lizenzierung ihres Vakzins zwingen. Bayer hat ja bereits angeboten, bei der Produktion zu helfen. Auch bei der Impfgeschwindigkeit müssen wir zulegen und uns besser organisieren.

Ich habe große Sorge, dass Menschen aufgrund solcher Entwicklungen das Vertrauen in unseren Sozialstaat verlieren. 

Um ehrlich zu sein, überlege ich mir selbst, auszuwandern. Dass das alles Politikverdrossenheit erzeugt, dürfte klar sein. In Deutschland wird die Steuermoral der Soloselbstständigen nicht gefördert und wertgeschätzt. Ich leiste meinen Beitrag und versteuere jeden Gig, egal ob es sich um 150 Euro netto oder eine vierstellige Summe handelt. Wenn ich meine Steuern zahle, möchte ich vom Sozialstaat aufgefangen werden. Hartz IV ist keine Option für mich - ich habe ja gearbeitet. In anderen Ländern wie Portugal sind die Abgaben dafür niedriger.

Warum werden Soloselbstständige „vergessen“?

Die Sache ist, dass in Demokratien Mehrheiten entscheidend sind. Je größer eine Gruppe ist, desto relevanter ist sie. Eltern haben zum Beispiel eine Lobby. Sie sind die Wählergruppe von CDU und SPD. Deshalb wurden Kindergärten und Schulen gegen jede Vernunft im Herbst geöffnet. Uns wird stattdessen der Rückzugsort genommen. Insbesondere die Clubs, die im Gegensatz zu Museum und Theater immer noch nicht als Teil der Kultur angesehen werden.

In Baden-Württemberg habe ich das Gefühl, dass sich die Politiker sogar insgeheim freuen würden, wenn die Clubs dicht wären, trotz eines grünen Ministerpräsidenten. Clubs wie das Katerblau, das Berghain, das Robert Johnson oder auch das Cave in Heidelberg werden vergessen.

Sascha Lobo hat im Spiegel Ende Dezember eine Kolumne über Corona-Hilfen für Selbstständige geschrieben. Dabei kam er zu dem Schluss, dass der Staat „Selbstständige und Kreative verachte“.

Wie bereits angesprochen: Insbesondere im „Ländle“ habe ich das Gefühl, dass Kultur im Allgemeinen einen besonders niedrigen Stellenwert hat. Schraubendrehen in Festanstellung ist systemrelevanter Mittelstand. Als Kreativer oder Soloselbstständiger bist du davon weit entfernt. Sascha Lobo hat mir insofern aus der Seele gesprochen. Man hat insgesamt das Gefühl, als Soloselbstständiger ein Bürger zweiter Klasse zu sein. Das gleicht einem Lippenbekenntnis. Die Regierung sagt es zwar, meint es aber gar nicht ernst.  (Das Interview führte Moritz Serif)

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