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Schillernd in Grauzonen: Moses Sumney.

Moses Sumney

Moses Sumney „Græ“: Ein Prosit auf die Patriarchen

  • vonStefan Michalzik
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Lyrische Innerlichkeit und weltliche Spiritualität: Moses Sumneys Album „Græ“.

Isolation und Identität – das sind die zentralen Motive in „Græ“, dem zweiten Album von Moses Sumney. Der in Kalifornien geborene und heute in North Carolina lebende Sänger und Songschreiber knüpft mit seinen im charakteristischen Falsett vorgetragenen Songs an den Autorensoul der Siebziger an – wichtigstes Stichwort: Marvin Gaye – und schließt ihn in einer eigenwilligen Art mit den zeitgenössischen Errungenschaften von James Blake und Bon Iver kurz, wie schon sein großartiges Debütalbum „Aromanticism“ offenbarte, das vor drei Jahren die Popwelt aufhorchen ließ.

Das Album: Moses Sumney: Græ. Jagiaguwar/ Cargo.

Die erste Hälfte von „Græ“, einem zweiteiligen Songzyklus, wurde bereits im Februar in Internet veröffentlicht – so heizt man das Interesse an. Nun also liegen beide Teile vor, wahlweise auf zwei Vinylplatten oder einer CD – und es bietet sich ein erstaunlicher Geniestreich dar. Der Soulgesang Sumneys lässt die Verwurzelung im Gospel klar erkennen. Als Jugendlicher sang er im Kirchenchor. Die instrumentalen Texturen hinter der betörend weichen, mitunter chorisch aufgefächerten Stimme sind durch stetige Brüche akzentuiert. Unaufdringlich entfaltet sich ein imponierend mannigfaltiger Kosmos von Sounds zwischen Ambient und Folk, der aus einer Kombination akustischer Instrumente mit Synthesizern erwächst. Mitgetan haben unter anderem Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never, Thundercat und Jill Scott.

Rasch hatte sich Moses Sumney einen Ruf als der neue große „Schmerzensmann“ der Popmusik erworben. Die zwanzig neuen Songs – nicht ein belangloser darunter – sind wiederum eindringliche Zeugnisse einer lyrischen Innerlichkeit und weltlichen Spiritualität, in der es auch Momente von Hoffnung gibt und nicht allein Seelenpein. Mit „Polly“ ist das wohl erste veritable Liebeslied des bisherigen Künders einer Unmöglichkeit der Liebe zu verzeichnen. Ungebrochen ist allerdings auch das nicht – sonst wäre es wohl nicht Moses Sumney. Der Song handelt von verworrenen Verhältnissen zwischen Bindungswillen, der Scheu davor, und Polyamorie.

Auf einer Insel

Zu Beginn erörtert die ghanaisch-britisch-amerikanische Schriftstellerin Taiyle Selasi die Herkunft des Wortes Isolation, von „Isola“ = Insel. Die Identität als Künstler und als Schwarzer mit einer queeren Orientierung ist die andere beständige Antriebskraft für die Musik Sumneys, der als Sohn eines ghanaischen Priesters zwischen Kalifornien und Westafrika aufwuchs.

Um Verletzlichkeit geht es in den Songs des 29-Jährigen und um Kraft, um gesellschaftliche Regression und Fortschritt. „Ein Prosit auf die Patriarchen“, heißt es in „Virile“. „Der Marsch des Torwächters/ Verzweifelt nach überholten Noten/ Die Männlichkeit schwindet/.../ Pump’ die Maskulinität auf/ Du hast die falsche Idee, mein Sohn“.

„Græ“, das steht für „grey“, für Grauzonen, und in diesen bewegt sich Moses Sumney in vieler Hinsicht, besonders auch musikalisch. Mit „Soul für das 21. Jahrhundert“ wäre diese Musik nur unzureichend beschrieben. „Also also also and and and“ lautet der Titel eines der Songs. „I insist upon my right to be multiple“, heißt es darin.

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