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Sarah Aristidou. Foto: Andrej Grilc/SF
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Sarah Aristidou.

Salzburger Festspiele

Morton-Feldman-Oper „Neither“ in Salzburg: Undurchdringliches Unselbst

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Die Salzburger Festspiele widmen sich dem Werk Morton Feldmans, im Zentrum steht seine Beckett-Oper „Neither“.

Die Begegnung zwischen Morton Feldman und Samuel Beckett in Berlin 1976 hat auch in ihrer Überlieferung als Anekdote Charakter. Der Dichter Beckett zum zwanzig Jahre jüngeren Komponisten: Er möge keine Opern. Feldman: Er auch nicht. Beckett: Er möge es nicht, wenn einer seiner Texte in Musik gesetzt werde. Feldman: Er schreibe häufig für Stimmen, aber meistens textlos. Beckett: Was er also von ihm wolle. Feldman: Das wisse er auch nicht. Dann fügt Feldman noch hinzu, denn wir sind hier am Ende doch nicht im absurden Theater: Er sei auf der Suche „nach der Quintessenz, nach etwas, das einfach schwebt“.

Der Text „Neither“, auf den es schließlich mit einer Uraufführung in Rom 1977 hinauslief, hat wenige Zeilen (87 Wörter, auf einer Postkarte an Feldman übermittelt) und ist kein Libretto. Vielleicht ist es ein Gedicht, jedenfalls ein schwebendes Stück, ein „Weder“, dem sogar das „Noch“ fehlt. Bei einer Aufführung versteht man zudem praktisch kein Wort: ein Beckett-Text, der sich verbirgt hinter den außergewöhnlichen Strapazen, die ein Sopran dafür auf sich nehmen muss, aber freilich ist er dennoch da, der Text. „hin und her in Schatten von innerem zu äußerem Schatten – – von undurchdringlichem Selbst zu undurchdringlichem Unselbst durch Weder ... .“ Daraus entsteht ein Drama ohne Dramatik, das gerade deshalb existenziell sein kann, weil es sich jeder Konkretion entzieht. Und, ja, das Existenzielle um seiner selbst willen, jenseits von Fragen des Handlungsablaufs (bekanntlich häufig überschätzt), ist zumindest eine wesentliche Quintessenz der Gattung Oper.

Dem Verstehen entzogen

Faszinierend: Auch bei der Aufführung in der Kollegenkirche bei den Salzburger Festspielen, die dem US-amerikanischen Komponisten Feldman (1926-1987) einen mehrteiligen Schwerpunkt widmeten, nahm die nachher bejubelte Sängerin Sarah Aristidou eine Opernrolle ein, zagend, werbend, leidend, verzweifelt, todernst, all dies mit höchster musikalischer Kompetenz, all dies aber ganz rätselhaft. Eine Beckett-Oper, zu der es hervorragend passte, dass Becketts Sätze und Satzstücke bei einer Aufführung doppelt dem Verstehen entzogen sind. Eine Feldman-Oper, in der Aristidou so schön, ausgeformt und sozusagen melodisch sang, dass kaum auffiel, dass sie lange, sehr lange auf einer einzigen Tonhöhe bleiben muss. Perfekt austariert lief die hörbare Anstrengung, aber eben auch ihre Bewältigung hinaus auf einen durchgängigen, angesichts der Anforderungen geradezu frechen Wohlklang.

In Feldmans Musik steht sie als menschliche Stimme und mit der Verfügungsgewalt über den Text zwar automatisch im Zentrum der Aufmerksamkeit – Aristidou machte außerdem wie in einer guten Beckett-Aufführung praktisch nichts und zeigte dennoch eine strahlende Präsenz, die nicht nur durch einen originellen Tüllkragen und gute Ausleuchtung zu erklären war.

Eindeutig Opernmusik

Das große Orchester, hier das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, hat aber keine begleitende, sondern eine eigenständige Aufgabe, der die Stimme, nachher auch sehr offensichtlich, rein musikalisch gesehen als weiteres Instrument untergeordnet wird. So entsteht eine mit aufs Schönste zu Tode gerittenen minimalistischen Schnipseln, mit schneidenden und flirrenden Bläsersequenzen, mit wahnsinnig gewordenen Tanzeinlagen auch sehr effektvoll arbeitende Musik, Opernmusik.

Die unerhörten Komplexitäten durch waghalsige Rhythmusverschiebungen und durch wie völlig unabhängig voneinander sich bewegende Musikblöcke bekamen im Dirigat von Roland Kluttig eine große Selbstverständlichkeit. Kluttig war kurzfristig für Ilan Volkov eingesprungen, es muss ein aufregender Vorgang gewesen sein, von dem das Publikum aber nichts mitbekam. Mehr Souveränität lässt sich nicht vermitteln.

Vorher entwickelte sich das wenige Jahre ältere „String Quartet and Orchestra“, ersteres durch das ausgezeichnete Minguet Quartett realisiert, ungleich flächiger, tektonischer. Auch hier aber wurde der große Orchesterapparat filigran genutzt. Das Publikum in der Kollegienkirche: vor allem nach „Neither“ geradezu aus dem Häuschen.

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