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Der polnische Trompeter Tomasz Stanko.

Tomasz Stanko

Ein Moment von Ewigkeit

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Trompeter Tomasz Stanko, einer der letzten großen Stars des Jazz, spielt mit seinem Quartett in Rüsselsheim - und lässt die Zeit stillstehen.

Vor 20 Jahren erklärte Thomas Stanko in der Wochenzeitung „Die Zeit“ dem Autor und Bewunderer Konrad Heidkamp das Geheimnis seines ganz eigenen, verhangenen Trompetentons: Schlechte Zähne. „Keine guten Voraussetzungen für einen Trompeter. Also musste ich von Anfang an lange Noten spielen, um einen Klang zu bekommen. Das ist es. Manche Dinge fallen dir schwerer als anderen. Und dann konzentrierst du dich um so mehr und findest deinen Ton.“

Was hier so lapidar beschrieben ist, heben andere wie auf einen Altar. Für sie ist Stanko, 1942 im polnischen Rzeszow geboren, in Krakau aufgewachsen und inzwischen in New York zu Hause, einer der letzten großen Stars des Jazz, ein Anachoret, dessen Musik nicht nur ganz der Zeit enthoben scheint, sondern sie förmlich zum Stillstand bringt, wie es sonst nur ganz wenigen gelingt, Charles Lloyd zum Beispiel. Man spürt die Abgründe in seiner oft schwebenden, inwändigen, aber immer auch freien Musik, das, was Heidkamp 1997 meinte, als er schrieb, Stankos Höflichkeit beruhe „auf einer tiefen Trauer, einer selbstbewussten Verzweiflung“.

Vergleiche mit dem frühen Miles Davis

Man sieht ihm das auch an. Auf der voll besetzten Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters, wo die Jazzfabrik seit Jahren so wichtige Arbeit leistet, steht ein überraschend kleiner, etwas gebeugter Mann mit wachen, traurigen Augen. Vor einem halben Jahrhundert befreite Stanko den osteuropäischen Jazz von innen heraus, doch längst geht es ihm nicht mehr um Hitze, nicht um Tempo, nicht um Expansion oder Aufruhr.

Oft wurde Stanko mit dem frühen Miles Davis verglichen, was auch stimmt, wenn man es nicht zu sehr am Ton festmacht, sondern eher an einer Spielhaltung. Diesem ganz eigenen, in sich gekehrten Minimalismus, dieser Gabe, mit nur wenigen Tönen ein sehnsüchtiges Leuchten zu schaffen. Kind of Blue.

Stanko hat all das schon einmal radikaler formuliert als hier und heute mit seinem New York Quartet, dem er viel Raum lässt. Manches, gerade zu Beginn, entgleitet ins Formelhafte, manche Impulse verhallen ohne Konsequenz und brauchen die schier unglaubliche Tightness von Gerald Cleaver am Schlagzeug, um sie zusammenzuhalten. Aber dann ist da natürlich auch diese unbeschreibliche Liebe zur Melodie, zum Gesang. Bei Reuben Rogers am Bass. Und natürlich bei Stanko selbst, der sich in seinen besten Momenten förmlich in die Jazzgeschichte hineinhört und deren beständigen Fluss einfriert. So pathetisch es auch klingen mag: ein Moment von Ewigkeit liegt in seiner Musik.

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