Batschkapp

New Model Army: Stammesrituale mit Tomtoms

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Das Image der Protestband werden sie nicht mehr los: New Model Army in der Batschkapp.

Auf der Setlist steht wieder „51st State Of America“. Jahrelang hat New Model Army den Song nicht mehr gespielt, weil er bekannter geworden war als die Band, wie Sänger Justin Sullivan in einem Interview erklärte. Aber in diesem Sommer, kurz vor einem Besuch von Donald Trump bei seinem Klon Boris Johnson in Brexit-Britannien, passte das Lied vom Niedergang des Vereinigten Königreichs zu einem Bundesstaat der USA wieder.

New Model Army sei keine politische Band, beteuert Sullivan heute gern. Aber wer sich nach Oliver Cromwells Parlamentsarmee gegen das Königtum im 17. Jahrhundert benennt, dürfte zumindest geschichtsfest sein. Und wer in den Thatcher-Jahren im Punk-Umfeld mit Liedern gegen Falklandkrieg und Ausbeutung groß wird, wird das Image der wütenden Protestband nicht mehr los.

In der Frankfurter Batschkapp steigt die Army denn auch gleich mit dem Titelsong ihres Durch-bruch-Albums „No Rest (For The Wicked)“ von 1985 ein, legt „Never Arriving“ vom gerade erschienenen Album „From Here“ nach. So bleibt die Mischung: Zu einem halben Dutzend neuer Songs kommen Titel aus früheren Schaffensphasen bis zurück zu „Betcha“ vom Debütalbum „Vengeance“.

Den anfangs kaum verständlichen Gesang bekommen die Leute am Mischpult nach und nach in den Griff, aber der Sound bleibt recht roh. Die nach Stammesritu-alen tönenden Tomtoms, die stadioneske Zweitstimme zu den Refrains, cleane E- und hart geschrabbelte Akustikgitarren: alles da, alles mit Power, aber nicht besonders transparent und kontrastreich.

Dass die Band aus Bradford in West Yorkshire sich für ihr 15. Album eigens in das Ocean Sound Recordings Studio auf der kleinen norwegischen Insel Giske bege-ben und im Angesicht von Eismeer und schmelzendem Schnee mit Klängen experimentiert hat, ist live nicht zu merken. Inhaltlich schon: „We change just like the weather / The wind blows a little stronger / The high tides reach a little further above the beach“ („The Weather“).

Die ausverkaufte Batschkapp kommt mühsam in Schwung. „The Family“, wie sich die treusten Army-Fans nennen, ist natürlich auch nicht mehr die jüngste, es ist ein Werktag, und es ist spät; die Briten kommen erst deutlich nach 21 Uhr auf die Batschkapp-Bühne.

Immerhin wärmt ein Veteran das Publikum vor: Zam Helga, der gerade seine Band The Helga Pictures wieder zusammengebracht hat. Die Stuttgarter waren schon in den 90ern mit New Model Army unterwegs und bildeten kurzzeitig gemeinsam mit ihren Fantastischen Vier rappenden Landsleuten eine Art Neue Schwäbische Welle. Zam Helga saß nie in Casting-Show-Jurys, er blieb solo und in unterschiedli-chen Formationen dem Indie-Rock verbunden.

Helga hat es schwer in der Batschkapp, alle warten auf New Model Army. „51st State of America“, das ursprünglich von The Shakes stammt, bekommt den angemessenen Jubel. Was nicht kommt, ist der zweitbekannteste Titel der Band, „Vagabonds“. So viel Prinzipientreue muss sein.

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