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Mnozil Brass im Kurhaus.

Kurhaus Wiesbaden

Mnozil Brass schräg und humorvoll im Wiesbadener Kurhaus

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Mnozil Brass, das österreichische Septett, ganz schräg, humorvoll und zirzensisch im Wiesbadener Kurhaus.

Leonard Paul spielt Posaune, eigentlich. Oder Bassposaune. Jeweils immer eine. Aber nie beides gleichzeitig. Einmal allerdings, gegen Ende des Programms „Cirque“, sitzt Paul auf einem Stuhl und bedient mit jedem Fuß einen Posaunenzug und mit jeder Hand eine Trompete. Vier Kollegen von Mnozil Brass steuern Ansatz und Lungendruck bei, ein fünfter zieht dann auch noch den Stuhl weg. Auf dass der Multi-Blechbläser zu schweben scheint zum Quartettklang.

Es ist Zirkus, was das österreichische Brass-Septett Mnozil Brass da veranstaltet – beim Rheingau Musik Festival waren sie jetzt mit ihrem nicht mehr ganz so neuen Programm im Wiesbadener Kurhaus zu Gast. Mit „Cirque“ treten die sieben Brass-Musiker auf, um – jedenfalls laut Eigenauskunft – „dem Affenzirkus des Alltags Musik und Humor entgegenzusetzen und ihn so in einen kleinen, feinen Flohzirkus zu verwandeln“. Schön gesagt, schön gemacht.

Mnozil Brass ist das wohl einzige Blechbläser-Ensemble, das Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ spielen kann, mit baumelnden Beinen am Podiumsrand sitzend, und jeder im Publikum ist ehrlich gerührt und perplex zugleich. Das einzige, das Fetzen von Strauss-Walzern und Offenbach-Nummern, „YMCA“ und „Bilder einer Ausstellung“ so zusammenzunähen versteht, dass kein bloßes Potpourri daraus wird, sondern große Musik.

Blechbläser mit Humorpotenzial gibt es ja viele, „Brass“ ist geradezu der Inbegriff für launige Klassiker-Verbratung (wobei der Mnozil-Tubist Wilfried Brandstötter der Ansicht ist, Blechbläser seien „von Natur aus eher indifferent“ und „erst das Feuilleton versucht sie krampfhaft in Richtung Umptata-lustig hinzudrücken.“) Egal, auf Mnozil-Brass-Höhe spielt ohnehin keine andere Blech-Kombo: In Sachen Präzision, Timing, Schrägheit und Irritationspotenzial bilden die Wiener, deren Ensemble vor 24 Jahren im Gasthaus-Kellergewölbe des Wirts Joseph Mnozil geboren wurde, einfach den Olymp ab. So g’spinnert die Show, so perfekt sind Arrangement und Zusammenspiel.

Gesprochen wird nicht, gesungen zweimal kurios im Barbershop-Stil, den Mund öffnet ein Posaunist zum ersten Mal und nur zum Schmerzensschrei, weil ein zweiter einen Kammerton benötigt und ihm deswegen auf den Fuß haut. Den Rest erledigt die Pantomime. Etwa wenn Robert Rother gestisch ein Grammophon in Betrieb nimmt mit einer Schallplatte, es ist ein Haydn-Allegro. Erst verstaubt, dann glasklar, dann aber wieder zu langsam, dann überdreht – seine Brass-Kollegen machen den Soundtrack dazu. Das ist ganz großer Zirkus.

Als Mnozil Brass 2014 in Frankfurt gastierte, im doch sehr großen Saal der Alten Oper, hatte die FR gefragt, ob der hinterfotzig-subversive Humor von drüben aus Österreich in einem so großen klassischen Konzerttempel wohl ankommen und verstanden wird. „Man muss uns nicht verstehen, man muss nur ein Ticket kaufen“, sagte damals Tubist Brandstötter. „Sollten wir aber sogar verstanden werden, dann geloben wir feierlich, nach dem Konzert vor Freude weinend in der Garderobe zusammenzubrechen.“ Man wäre gerne dabei gewesen, es war sicher zirkusreif.

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