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„Mitten am Rand“-Festival in der Alten Oper Franlkfurt: Impulse für Diversität im Konzertsaal

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Von: Stefan Michalzik

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Dirigentin und Sängerin Cymin Samawatie. Foto: Alte Oper Frankfurt/ Wonge Bergmann
Dirigentin und Sängerin Cymin Samawatie. Foto: Alte Oper Frankfurt/ Wonge Bergmann © Wonge Bergmann

Das Festival „Mitten am Rand“ in der Alten Oper widmet sich der kulturellen Vielfalt und der Gesellschaftskritik. Von Stefan Michalzik

Eine gegenwärtige Kultur sei „post-exotisch“ – das ist eine Setzung hinter dem Konzept des Berliner Trickster Orchestras um die Sängerin und Dirigentin Cymin Samawatie und den Schlagzeuger Ketan Bhatti, das am Abend des ersten Tages von „Mitten am Rand“ im Mozart-Saal der Frankfurter Alten Oper gespielt hat. Die Alte Oper bemüht sich mit diesem Festival um Diversität auch im klassischen Konzertbetrieb, wobei mit einem solchen Festival natürlich eine Art exterritoriales Gelände geschaffen wird. Wie stark indes die Diversität künftig auch im Zentrum des Konzertbetriebs verankert sein wird, steht einstweilen dahin.

Das Trickster Orchestra – der Trickster ist der mythologische Narr, der Ordnungen ins Wanken bringt – präsentierte sich an diesem Abend in einer 16-köpfigen Besetzung. Das Instrumentarium setzt sich zusammen aus jenem der europäischen Klassik und mitunter Elektronik sowie Instrumenten wie der arabisch-türkischen Zither Kanun, der japanischen Wölbbrettzither Koto und der orientalischen Flöte Nay.

Die Kompositionen der „trans-traditionellen zeitgenössischen Musik“ von Cymin Samawatie und Ketan Bhatti, so eine selbst getroffene Zuschreibung, kommen in einem freien Umgang mit den Errungenschaften der musikalischen Nachkriegsavantgarde um die Darmstädter Ferienkurse in ihrem klangsprachlichen Fundament der herkömmlichen zeitgenössischen Musik nahe. Elemente aus anderen Kulturen, besonders auch überlieferte Melodien um Trauer und Sehnsucht, werden in dieses musikalische Umfeld transferiert. Das ist nun keine Mischmaschmusik, da ist ein ausgeprägtes Formbewusstsein.

Normalerweise, so die als Tochter iranischer Migranten in Deutschland aufgewachsene Cymin Samawatie, trete man nicht in schwarzer Kleidung auf, dies geschehe aus Trauer um die Menschen, die bei den Protesten im Iran getötet worden sind. Das folgende Stück basierte auf einem persischen Freiheitsgedicht, mit einer Zuspielung von verfremdeten Originaltönen von einer Demonstration.

Gewalt war auch das zentrale Thema bei einem Gespräch mit der simbabwischen Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2021, und dem Filmproduzenten Olaf Koschke, ihrem Mann, im Albert-Mangelsdorff-Foyer um die Vorstellung des Filmprojekts „Picture My Life“, einer oral-erzählerischen Dokumentation zur Situation der Frauen in Simbabwe. Die Gewalt in dem Land, allgegenwärtig bis hin zum Umgang von Eltern mit ihren Kindern, gründet laut Dangarembga in der Gewalterfahrung der kolonialen Geschichte. Sie sei, so Koschke, tief im Volk verwurzelt und gehe keineswegs allein vom Regime und dem Polizeiapparat aus. Im Zusammenhang mit der Kultur und Medienarbeit, die ein Vehikel der Veränderung darstellen könne, übten Dangarembga und Koschke Kritik an der Förderpraxis der EU.

Konkurrierend mit dem von Dangarembga vor zwanzig Jahren in der Hauptstadt Harare gegründeten „International Images Film Festival for Women“ sei mit EU-Geld ein weiteres auf den Plan gebracht worden, mit einer europäischen Kuratorin und Filmen, die Europäern Afrika erklären. Das sei nicht ihre Art des Filmemachens. Auf eine dahingehende Frage von Moderatorin Bascha Mika hin beendete Tsitsi Dangarembga die Runde verhalten optimistisch: Die Frauen in Simbabwe würden beginnen, ihre Stimme zu erheben – die Entwicklung werde eine langsame sein, aber immerhin.

Tollkühne Gesänge

Das Setting war schlicht zu der in Zusammenarbeit mit dem Mousonturm gezeigten Arbeit „Our Songs“ des japanischen Theaterregisseurs Akira Takayama am Nachmittag: Ein Mikrofon in der Mitte der Bühne des Großen Saals, ein Steg wie im japanischen Kabuki-Theater durch den leeren Zuschauerraum – die Zuschauerinnen und Zuschauer saßen ausschließlich auf dem Balkon. In einer langen Abfolge traten ungefähr sechzig Menschen aus Stadt und Region auf, überwiegend Frauen, und trugen ein Lied oder ein Gedicht aus der Kultur ihres Hintergrunds vor. Vom niederdeutschen Dialektlied über eine Bollywoodmelodie und melismenreichen arabischen Gesang oder der Pekingoper bis zu Michael Bublé oder dem italienischen Cantautore Fabrizio De André und der inoffiziellen palästinensischen Nationalhymne.

Menschen aus der Wirklichkeit, dokumentartheaterhaft auf einer Bühne inszeniert, viele davon könnerische Amateure mit Bühnenerfahrung, aber es gab auch teils eher tollkühne sangliche Bemühungen. Der Gang über den Steg war ein elementarer Teil des Ganzen. Vollkommen unprätentiös oder cool einstudiert, im indischen Sari, in der rockistischen Lederjacke... Eine anmutige Vorführung von Individualität und kulturellem Reichtum – und selbstredend auch ein politisches Statement.

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