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Rumhängen, Melancholie, Euphorie sind ihre Themen.

Marteria & Casper

Von Mittdreißigern für andere Mittdreißiger

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Der Suff, die Jungs, die Miele-Fabrik: Marteria & Casper mit ihrem Album „1982“.

Das erste Album von Casper und Marteria erscheint zeitgleich mit einem neuen Album von Eminem. Sie kündigten „1982“ Monate zuvor an, benannt nach ihrem Geburtsjahr. Eine Platte von zweien, die sich selbst feiern, indem sie viel zurückschauen.

Benjamin Griffey, also Casper, und Marten Laciny, also Marteria, sind 2010, 2011 zu wirklich bekannten Gesichtern des Deutsch-Rap geworden mit den Alben „XOXO“ und „Zum Glück in die Zukunft“. Beide sind, das ist weder gut noch schlecht, eine Art Gegenentwurf zum Straßen- und Gangsta-Rap, der seit Mitte der 2000er vor allem vom Label Aggro Berlin aus groß wurde. Casper und Marteria trugen von Anfang an seltener Muskelshirts, und der Bling-Bling-Materialismus ist ihnen ganz fremd.

Marteria & Casper: Zwei Männer aus der Mittelschicht

Soziologisch ist es so: Hier sind zwei Männer aus der (weißen) Mittelschicht unterwegs, aus einer Mittelschicht, die sich den Postmaterialismus leisten kann, und die vielen Sinnfragen und Selbstzweifel, die nicht direkt vom Sozialdarwinismus des „Eine Kugel reicht, damit du weißt wie hart Beton ist“ von Bushido geschluckt werden.

Und von dieser Mittelschichtsgeschichte erzählen sie. Das kommt auch vielen bekannt vor, die darüber schreiben. Ich erinnere mich. „Tanken Zehner und fahren rum.“ Da ist wieder die Erzählung vom Rumhängen und die Melancholie und die Euphorie, die das bedeuten konnte.

Casper erzählt vom Suff und den Jungs und der Miele-Fabrik in Bielefeld, wo er mal wohnte, „wo er herkommt“. Dabei kommen schöne Sätze heraus wie: „Die Schornsteine so groß gebaut, jedem Traum im Weg. Die Bundesstraße so laut, kein Gedanke zu verstehen“.

Marteria erzählt vom Strand, von Touristen, vom FKK

Marteria kommt aus Rostock, er erzählt auf „1982 (Als ob’s gestern war)“ vom Strand, von den Touristen, dem FKK. Die Politik ist nebensächlich, wie das eben dem Kind erschienen sein dürfte. Aber sie ist da, sie kommt. Weiße Schnürsenkel, Schläge und Tränengas von den Eltern derjenigen, die jetzt in Chemnitz ihren Hass auf den Beton kippen. Die Untergründigkeit dessen ist beiläufig, eben so, wie es war, wie es ist.

„1982“ ist nicht ausdrücklich, aber das ist sicher kein Problem. Die Produktion ist geschmackvoll, ja, orientiert am Boom Bap der neunziger Jahre, grummelig dicke Bassdrum, eine hohe Snare, keine Synthesizer, keine Kälte, kein Blau, sondern warm und ein Braun. So klingen die ersten drei Tracks, und das Problem ist das Verharren im Sound von früher zur langen Rückschau. So wird daraus ein sehnsüchtiges Reenactment von Mittdreißigern für andere Mittdreißiger, die sich versuchen zu erinnern, wie das nochmal war im ersten Semester, als man sich in den Filmriss hineintrank.

Einerseits ist das gut gemacht und erzählt, andererseits auch ein bisschen harmlos und solipsistisch. Das ändert sich auf „Supernova“, das eine Wall of Sound mit Synthieflächen hochzieht. Die Mitte des Albums ist seine Stärke, auch „Vorstadt“ hat eine Dringlichkeit, die über das Vergangenheit-Erzählen hinausgeht. Grimmige Glocken und ein dicker Bass finden für das Thema einen passenden Sound. Einen Horrorclown-Sound, vielleicht.

Die beiden haben just dem Magazin „Vice“ ein längeres Interview gegeben, da sagt Marteria irgendwann die schönen Sätze: „Wenn man Hip-Hop macht, ist die wichtigste Erkenntnis doch, dass der Geist immer den Kids zugewandt sein muss. Nie den Alten. Das, was die Kids denken, ist immer geiler. Weil das eine urbane Jugend-Bewegung ist und keine Mittdreißiger-Erwachsenen-Bewegung.“

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