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Mitsuko Uchida und die Bamberger Symphoniker in Frankfurt: Die Farben der großen Sehnsucht

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Von: Bernhard Uske

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Die Bamberger Symphoniker.
Die Bamberger Symphoniker. Foto: Tibor Pluto © aof/ Tibor-Florestan Pluto Photography

Die Bamberger Symphoniker mit Pianistin Mitsuko Uchida in der Alten Oper Frankfurt.

Beziehungsreich war das Programm im ersten Sonntagabend-Konzert der Alten Oper Frankfurt, bei dem die Bamberger Symphoniker auftraten. Statt des obligatorischen Ouvertüren-Warming-Up gab es die Aufführung eines zeitgenössischen Werks, das drei Tage vorher erst seine Uraufführung in Bamberg erlebt hatte, bevor es weiter nach Amsterdam, Cleveland und Liverpool geht.

„Phantasma für Orchester“ ist eine in Töne gefasste Interpretation jenes Beethoven-Frieses, den Gustav Klimt 1902 für die Ausstellung der Wiener Sezession geschaffen hat. Jugendstil in seiner erratischen, ornamentalen Form auf dem Weg zu expressionistischen und surrealen Haltungen. Der 1977 in Wien geborene Bernd Richard Deutsch hat dazu eine 15 Minuten währende farbenreiche, intelligent durchgearbeitete Klangdramaturgie entwickelt. Vom „goldenen Akkord“ über „Die Sehnsucht nach Glück“ und „Die feindlichen Gewalten“ bis „...in das ideale Reich“ eine Stimmungen vermittelnde Konstruktion, die Assoziationen auch an den frühen Schönberg und an Alban Bergs Gestaltungen zulässt: Prozesse in untrendiger Ruhe und Intensität.

„Von der großen Sehnsucht“ heißt einer der Abschnitte von Richard Straussens „Also sprach Zarathustra“, die danach – an ungewöhnlicher zweiter Stelle des Abends – erklangen: in Tönen gefasste Interpretation des vierteiligen Buches von Nietzsche von 1883-1885. Den Bamberger Symphonikern gelang unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hrusa eine phänomenale Gleichstellung zwischen geballten Klangeruptionen und den langen, wunderbar ausformulierten lyrischen Klangzügen. Die klingende Lebenswelt des Verkünders des großen Mittags war eine akustische Bilderfolge, der die Orchestervirtuosität aus Bamberg (ungemein plastische und bewegliche Tutti und perfekte Soli) in ihrer Sensibilität und Proportioniertheit alles gab.

Sturm und Klassik

Nach dem Titan-Phantasma und dem Propheten der großen Seele trat man nach der Pause dramaturgisch auf die Bremse und schaltete in den üblicherweise vor der Pause genutzten konzertanten Gang zurück. Mit dem 5. Beethoven-Klavierkonzert wurde das heroische Dispositiv des Programms dennoch erfüllt, denn zum „Emperor-Concerto“, wie im englischsprachigen Bereich das letzte Beethovenkonzert heißt, kam noch die besinnliche Virtuosenerscheinung. Mit ihr, der makellos spielenden Mitsuko Uchida, kamen die zahlreich anwesenden Anhänger und Anhängerinnen klassisch-moderaten Spiels ganz auf ihre Kosten und entfachten jenen dionysisch anmutenden Begeisterungssturm, der künstlertümlichen Fetischismen genau entspricht.

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