Mitsuko Uchida, Klavier, auf Schloss Johannisberg.

Mitsuko Uchida

Mitsuko Uchida: Ein Kraftakt aus großer Distanz

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Die Pianistin Mitsuko Uchida mit den drei letzten Schubert-Sonaten auf Schloss Johannesberg.

Meine Erzeugnisse“, notiert Franz Schubert 1824 in sein Tagebuch, „sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden.“ Seit jeher wird Schuberts Werken eine existentielle Bedeutung zugeschrieben, der einsame Wanderer, der das Leid und das Scheitern in und mit sich trägt, dieses urromantische Motiv, das ist nicht nur Konzertführerlyrik, sondern es führt zugleich auch auf den Kern seiner Musik. Im Spätwerk, das ohnehin allzu oft mythisch überhöht wird, verdoppeln sich gewöhnlich solche Zuschreibungen. „Dem Leben abgerungen, dem Tode abgeschaut“, sagt man da gerne.

Schubert jedenfalls war schwer krank, als er die letzten drei Klaviersonaten schrieb, nur wenige Wochen nach ihrer Vollendung starb er am 19. November 1828 in Wien. Und wenn man zum Beispiel die letzte Sonate in B-Dur D 960 aus den Händen Sviatoslav Richters hört, glaubt man tatsächlich, hier würden die letzten Fragen verhandelt.

Man kann diesen in vielerlei Hinsicht unglaublichen späten Schubert aber auch „durch den Verstand für Musik“ begreifen. Als einen, bei dem Zeit – ganz anders als bei Beethoven – nie nach vorne drängt, sondern in die Breite geht und förmlich vor unseren Ohren erlebt und erlitten wird. Das ist zum Beispiel die Welt des polnischen Ausnahmepianisten Krystian Zimerman, der diese spezielle, diese ganz eigentümliche Form der Wehmut, die Schubert komponierte, nicht durch einen besonders schönen Anschlag, eine besonders intime Geste erreicht, sondern sie sich denkend erarbeitet, nicht im Moment, sondern förmlich im Prozess.

Und man kann an all dem ziemlich uninteressiert sein und sich den späten Schubert vor allem als schroffen Kraftakt vorstellen, wie das die japanische Pianistin Mitsuko Uchida nun beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg tut. Es ist eine überraschende Sicht, weil ihr fast völlig der Feinsinn fehlt, für den Uchida einst berühmt war. Nichts hier will singen, nichts hier will die instrumentale Lyrik Schuberts aufschlüsseln. Dafür sind die Mittel- und Bass-Stimmen stark betont, der Ton insgesamt ist seltsam laut und unterkühlt.

Das Andantino der A-Dur-Sonate D959 etwa, eine der schönsten Hinterlassenschaften der Musikgeschichte, bleibt fast völlig auf Distanz und legt vielleicht die innere Motorik offen, aber nicht die Seele, um es pathetisch zu formulieren. Grazie, Glanz, Brillanz, Triumph und Abbruch, zwischen all dem Schubert ja irrlichternd hin und her wechselt, überspielt Uchida mit unerbittlicher Härte. So fern und auch so leer klang Schubert selten.

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