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Michael Wollny: Das nächste Konzert ist immer das schwerste

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Das Duo mit dem erkrankten Heinz Sauer fiel aus - dennoch famos Michael Wollnys Neujahrskonzert in der Romanfabrik.

Angekündigt war er, letztlich aber fand das traditionelle Neujahrskonzert der Romanfabrik mit Heinz Sauer und Michael Wollny ohne den 87-jährigen Tenor-Saxofonisten statt. Sauer war erkrankt und ließ Gastgeber Michael Hohmann sein Bedauern übermitteln. Als drohe sich der pH-Wert eines Konzerts ohne Sauer ins Basische zu verschieben, machte Hohmann flugs ein Literatur-Konzert aus dem ausverkauften Event und stellte dem Duo-Solisten oder Solo-Duellanten Wollny als Widerpart und Sandsack literarische Anteile von Ror Wolf zur Seite, der ja auch ein Lautmaler von Graden ist. Freie Jazz-Improvisation am Flügel ist Wollnys ureigenes Metier, also tat er, was er immer tut: reagierte, schüttelte den ersten Schrecken ab und machte das Allerbeste daraus. Das Ganze mit Hohmann als Leser und in Zusammenarbeit mit der Jazzinitiative Frankfurt.

Das Lautmalerische an Ror Wolf, der im Alter Sauers steht, war nicht nur so behauptet. Im zweiten Teil des Abends etwa trug Hohmann aus Wolfs Fußball-Text „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ vor, der sehr amüsiert die partizipial überdehnte, gewohnheitsmäßig bildschiefe Instant-Prosa vieler Sportreporter zu neuer Schönheit rettete. „Nach dem groben Schnitzer des knallharten, platzverweisreifen Ausputzers“, hörte man da, „hob der fleißige, unerhört spritzige Aufbauer den eigentlich harmlosen, durch den drückenden Rückenwind aber in Fahrt geratenen Abpraller über die weichgetrommelte wankende Mauer in die geöffnete Gasse, wo der inzwischen aufgerückte brandgefährliche Aufreißer mit seinem unheimlich harten linken Hammer plötzlich am Drücker war.“

Wunderschön in seiner Hässlichkeit! Verblüffend wie spontane Programmmusik war dann Wollnys Übersetzung an den Tasten, da er kein bisschen weniger rabiat, polternd, sich überstürzend zu rasant-flüssigen Rhythmen und Harmonien fand, die den gehörten Sprachwulst amüsiert aufschnitten und der Heilung zuführten. Nie an diesem Abend war der Applaus schallender.

Ror Wolfs Lautmalereien

Ror Wolf ist Konserve, was den Blick auf Wollny reizvoller macht. Der Leipziger Prof aus Schweinfurt steht jungenhaft-verschmitzt am Anfang der Vierziger. Wer ihn am Klavier erlebt und ungläubig sein Talent bestaunt, ist aus einer Klassiker- und Werke-Haltung vielleicht versucht zu denken, einer wie er müsste große haltbare Werke komponieren: Sinfonien, Opern, Instrumentalzyklen. Solche Erwartungen laufen einstweilen an ihm vorbei, denn seine Werkform in der Ära des Popstars ist das Album, Tonaufnahmen heben die Grenze Improvisation zu Werk auf, und Wollny komponiert ständig, nur liegt seine Stärke im Moment der Eingebung, wie er weiß und sagt. Als komponierender Pianist liebe er einfache Dur- und Moll-Akkorde, suche ständig Umgebungen dafür und um eine hörbare Musik zu schaffen, die nicht banal ist: an den Grenzen der Tonalität, ohne sie zu verleugnen.

Beim Improvisator Wollny fließt ein, was gerade anliegt. Eine Solo-Impro wie in der Romanfabrik nennt er eine totale Überforderung im Vertrauen darauf, so lange neue Ideen zu haben, bis sie sich auflöst. Wie er vom Stillen zum Pathos und ins Abwägende oder Träumerische überlenkt, wie er erst pünktelt, dann clustert und sich zuletzt über die Saiten des Flügels hermacht, als suche er in den Eingeweiden den mysteriösen G-Punkt, ist so unauslotbar wie ein tiefer Brunnen.

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