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Michael Wollny bei „Fratopia“: Werkstofflehre und Bauhaustanz

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Von: Stefan Michalzik

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Saisoneröffnung Alte Oper Saison 2022/2023 mit dem Festival FRATOPIA und der Jazz Residenz Michael Wolny mit seinem Konzert „BAU.HAUS_KLANG - Eine Harmonielehre im Mozartsaal der Alten Oper
Saisonstart mit dem Festival Fratopia: Michael Wollny bei seinem Konzert „Bau.Haus_Klang“ in der Alten Oper. © Wonge Bergmann

Pianist Michael Wollny eröffnet in der Alten Oper Frankfurt das „Fratopia“-Festival.

Eine „Bauhaus-Musik“ hat es nicht gegeben. Lediglich einen Komponisten verzeichnen die Annalen dieses Laboratoriums der Moderne, Stefan Wolpe, nicht als Lehrer allerdings, sondern als Schüler von Johannes Itten. Eine ins Auge gefasste Zusammenarbeit mit Josef Martin Hauer, der noch vor Schönberg eine Zwölfton-Musik entwickelt hatte, kam nicht zustande. Am Bauhaus wurde legendär viel und ausgelassen gefeiert, für gesellige Zwecke hatte Andor Weininger eine Bauhaus-Kapelle gegründet. Tonaufnahmen existieren keine, Zeitzeugen schilderten die Musik als wild und wohl auch teils dilettantisch, das Klangbild soll chaotisch gewesen sein.

Die Bauhaus-Kapelle hat sich der Pianist Michael Wollny zum Ausgangspunkt genommen für seine in einem sinfonischen Ausmaß dimensionierte Komposition „Bauhaus.Klang – Eine Harmonielehre“, mit deren Aufführung im Mozart-Saal die Saison der Frankfurter Alten Oper wie auch das „Fratopia – Festival der Entdeckungen“ eröffnet wurde.

Metall, Glas, Gewebe, Holz

Es geht hier um eine Musik über den Stilen, mit zahlreichen musikhistorischen Bezugspunkten über die Jahrhunderte, vor allem bei den Avantgarden im 20. Jahrhundert. Das fünfköpfige Ensemble für das 2019 bei der Feier zum 100. Bauhaus-Jubiläum uraufgeführte viersätzige Werk besteht aus Wollny an Klavier und Harmonium und Wolfgang Heisig an einem zweiten Flügel mit einem der Tastatur vorgebauten Phonola, einem mechanischen Selbstspieler auf Lochkartenbasis.

D em englischen elektroakustischen Musiker Leafcutter John kommt es zu, die von der Praxis des Bauhauses hergeleitete Idee einer Forschung an den Materialien, an Metall, Glas, Gewebe und Holz, zu verwirklichen. Im Gegensatz zu der am Laptop mit halligen Effekten versehenen perkussiven Klangerkundung steht das bis aufs Äußerste expressive Spiel des Franzosen Émile Parisien auf dem Sopransaxofon. Das erweiterte Schlagzeug von Max Stadtfeldt ist neben dem Phonola einer der Träger des mechanischen Moments.

D a ist eine hochgespannte Intensität und eine Strenge der Form im scheinbar Anarchischen. Eine sardonische Lust am Lärm, an der endlosen rhythmischen Wiederholung in stakkatohafter Wucht, mit einer Nähe zu den „Studies for Player Piano“ (1948-1992) von Conlon Nancarrow. Die einzelnen Sätze teilen sich wiederum in insgesamt 22 Abschnitte. Da passieren ein Thema von Alban Berg, Anleihen bei John Cage, eine hochtourige Anverwandlung einer Bach-Fuge. Raserei, wie auch Ahnungen von Schumann, Skrijabin und Debussy. Und einzelne Szenen, die mit ihrem swingenden Groove einer landläufigen Vorstellung von Jazz entsprechen. Beredt die Titel der vier Sätze: „Werkstofflehre“, „Lyrisches Kabinett“, „Spiel – Zeug – Arbeit“ und „Bauhaustanz“.

„ Barometer 365 Grad. Spannungsmaximum. Zapfenstreich, der Henker erscheint. Roter Pfeil. Notausgang“: In ihrer Art kommt Wollnys fulminante Suite dem 1925 von Farkas Molnár, einem Studenten von Meister Johannes Itten, gefassten Bild vom Tun der Bauhaus-Kapelle frappierend nah.

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