Michael Kiwanuka.
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Michael Kiwanuka.

Batschkapp Frankfurt

Michael Kiwanuka in der Batschkapp: Einer ohne Vergleich

  • vonStefan Michalzik
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Michael Kiwanuka in der Frankfurter Batschkapp.

Sharon Jones war zu vergleichen mit Aretha Franklin, James Bradley mit James Brown. Michael Kiwanuka ist in diesem Sinne zu vergleichen mit – niemandem. Der Begriff „retro“ steht in der Popmusik für eine historisch getreue Formerfüllung wie auch eine existenzielle gegenwärtige Erneuerung. Kiwanuka betreibt Letzteres. Die historischen Bezugspunkte sind an der Musik des britischen Sängers, Songschreibers und Gitarristen deutlich ablesbar: Es ist der Soul der Zeit um 1970 herum, in dem es nicht länger in erster Linie in simplen Popliedchen um die Liebe gegangen ist, und in der die Sänger ihre Songs selbst schrieben, in Abkehr vom Hitfabriksystem von Motown. Stichworte: Marvin Gaye, Isaac Hayes, Soundtracks zu Blaxploitation-Filmen.

Von alldem findet sich eine ganze Menge bei Michael Kiwanuka, der im Zuge seiner Konzertreise zum Erscheinen seines dritten, „Kiwanuka“ überschriebenen Albums in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp gastierte. Aber er verfolgt entschieden seinen eigenen Plan. Kiwanuka ist ein ernster Typ, sagen tut er nur ganz selten etwas, ein paar knappe Worte des Dankes, mehr nicht. Das Klangbild seiner fantastischen sechsköpfigen Band ist in einer gewieft synthieorchestral getragenen Weise sehr opulent, zwei Backgroundsängerinnen inklusive. Ab und an wechselt Kiwanuka von der elektrischen Gitarre an die akustische oder ans Fender Rhodes Piano; manchmal fängt er einen Song mehr oder weniger oder auch ganz unbegleitet an. Soul, Folk, Gospel, Funk, psychedelisch expressive Crescendi auf den E-Gitarren: da ist ein stilsicherer Reichtum an Nuancen.

Natürlich taucht auch „Black Man In the White World“ auf, ein Handclapsong mit Anklängen an die Lieder der afroamerikanischen Sträflingsarbeiter von dem 2016er Album „Love & Hate“: Eine Manifestation eines schwarzen Selbstbewusstseins, die Kiwanuka nun mit dem Coverbild zu dem neuen Album, auf dem er sich rollenhaft als afrikanischer Prinz inszeniert, auf die Spitze treibt.

Allemal fern vom Kitsch

Wie schon bei Marvin Gaye sind die Songs nicht die eines schwarzen Protestsängers. Sie sind in erster Linie empfindsam, auch in den Balladen mit einer sicheren Entfernung zum Kitsch. Es geht um Introspektion und Spiritualität, um Selbstzweifel immer wieder auch. „Final Days“ indes ist eine Science-Fiction-artige Vision auf das Ende der Menschheit.

Erwartungsgemäß führt Michael Kiwanuka viele der großen Songs aus „Love & Hate“ im Repertoire. Jene aus dem neuen Album können daneben bestens bestehen, wenngleich die alten von dem Mehrgenerationenpublikum ein wenig stärker bejubelt werden, allen voran das fabelhafte, beinahe zehnminütige „Cold Little Heart“. Ein beschwingter, gefühlvoller, ein glorioser Konzertabend.

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