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Michael Kasper, Cellist.

40 Jahre Ensemble Modern

Michael M. Kasper: „Unsere Musik kann sehr schwierig sein“

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Das Ensemble Modern feiert Geburtstag: Fünf Fragen an den Cellisten Michael M. Kasper.

Welches Projekt oder welcher Komponist hat den nachhaltigsten Eindruck auf Sie gemacht?

Ich denke da an 1983, an unsere erste Südamerika-Tournee, wir spielten in Buenos Aires Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“: Das Publikum hat Kerzen angezündet und ein Freiheitslied gesungen, es war ja die Zeit der Militärjunta. Das war ein wirklich eindrückliches Ereignis. Oder ich denke an mein erstes Konzert mit Bernd Alois Zimmermanns Solosonate für Violoncello, das war in den 2000ern. Ich habe dieses Stück in meinem Cellokasten 20 Jahre lang mitgeschleppt, aber nie den Schritt zur Einstudierung gewagt. Hinterher war ich sehr glücklich. An wirklich schreckliche Konzerte erinnere ich mich nicht. Es gab ein paar, die mir einfach nicht gefallen haben.

Welche Partitur war für Sie die schwierigste oder aufwendigste, wo sind Sie an eigene Grenzen gekommen?

Immer ist die nächste Partitur die schwierigste für mich. Das liegt mit daran, dass ich kein absolutes Gehör habe, ich muss mir die Noten „zusammenstochern“. Das ist schon sehr mühsam, vor allem wenn es um mikrotonale Tonabstände geht. Und ich frage mich jedes Mal: Warum machst du das eigentlich? Aber dann macht man’s eben.

Spielen Sie heimlich auch Bach oder Beethoven? Und: genießen Sie das?

40 Jahre Ensemble Modern

Das Ensemble Modern spielt und fördert seit 1980 zeitgenössische Musik, seit 1985 mit Sitz in Frankfurt. 2020 wird das 40-jährige Bestehen vielfältig gefeiert. Der „Jubiläumszyklus“ startet am 6. Januar in der Kölner Philharmonie, am 13. Januar in der Alten Oper Frankfurt – mehr zum Programm unter www.ensemble-modern.com
Vorab hat FR-Autor Stefan Schickhaus Mitglieder des Solistenensembles um Auskunft zu ihrem musikalischen Leben gebeten. Den Anfang macht heute der Cellist Michael Maria Kasper.

Ganz offen, nicht heimlich! Zwischendrin klassische Musik ist eine sehr wichtige Sache, die musikalische Qualitäten fördert und poliert. Man muss auf die Gesamtheit seiner Techniken aufpassen. Man lernt ständig neue Techniken im Umgang mit aktueller Musik, darf aber „alte“ Qualitäten wie Klangschönheit, Phrasierung, Fragen des Vibratos nicht verschwinden lassen. Das ist alles wichtig für mich, auch wenn ich Neue Musik spiele. Und ein paar Mal im Jahre würde ich auch gerne klassisches Orchester spielen. Beethoven und Mahler vermisse ich schon ...

Wie hat sich die Neue Musik Ihrer Erfahrung nach verändert im Laufe der vergangenen 40 Jahre?

Es gibt die Avantgarde nicht mehr, Komponisten, die vorneweg marschieren. Denn was ist schon „avant“? Viele Komponisten sammeln, was es so gibt, durchaus auch eklektizistisch, schreiben manchmal auch nur furchtbar viele Noten hinter- und übereinander. Die Musik ist dafür sehr farbig geworden und, ja, vielleicht etwas einfacher zu verdauen.

Welchen Tipp geben Sie Menschen, die die Musik von heute als schwer zugänglich empfinden?

Ja, für jemanden, der nichts damit zu tun hat, ist unsere Musik oft sehr schwierig. Es gibt natürlich Unterschiede: Die Minimal Music eines Steve Reich ist leichter zu hören als Lachenmanns Kammermusik. Was soll ich den Leuten raten? Mit „Einfachem“ anfangen, und sich die Einführungsveranstaltungen anhören, wenn es sie gibt. Dann kann man schon den einen oder anderen Schritt wagen. Aber es ist immer anstrengend für den Zuhörer, oder positiver gesagt: fordernd. Oder auch in Frankfurt ins MMK gehen: die visuelle Kunst ist, bei ähnlicher Ästhetik, manchmal vielleicht etwas leichter aufzunehmen als die flüchtige Musik.

Zur Person

Michael M. Kasperwar zunächst von 1980 bis 1985 Mitglied des Ensemble Modern, anschließend bis 1997 Cellist im Kölner Rundfunksinfonieorchester. Von 1988 bis 2001 Dozent an der Musikhochschule Aachen. Seit 1997 ist er wieder Mitglied des Ensemble Modern und dort Gründungsmitglied der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA), wo er bis 2014 den in Kooperation mit der HfMDK angebotenen Masterstudiengang leitete.

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