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Methyl Ethel: „Are You Haunted?“ – Was da draußen vor sich geht

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Von: Stefan Michalzik

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Jake Webb, der Kopf von Methyl Ethel. Foto: Future Classic
Jake Webb, der Kopf von Methyl Ethel. © Future Classic

Abrupt wechselnde Stimmungen: Das Album „Are You Haunted?“ von Methyl Ethel.

Mächtig Dramatik auf der einen Seite, musikalisch flockiger Pop auf der anderen. Mit „Are You Haunted?“, seinem vierten Album, schlägt Jake Webb, der Kopf der aus dem westaustralischen Perth stammenden Band Methyl Ethel, ein neues Kapitel auf. In den Anfängen im Jahr 2013 war Methyl Ethel ein Ein-Mann-Schlafzimmer-Projekt. Sämtliche Instrumente für das Debütalbum „On Inhuman Spectacle“ hat Webb selbst eingespielt; einzig das spätere Bandmitglied (als Schlagzeuger) Chris Wright hatte er zwecks Unterstützung bei Arrangements und Abmischung hinzugezogen. Erst nachdem das Album in Australien einige Furore gemacht hatte, stellte er eine Band für die Bühnenauftritte zusammen. Wie schon das Debüt gingen auch „Everything Is Forgotten“ (2017) und „Triage“ (2019) als – wenn auch ziemlich unklassische – Rockalben durch.

Schon eher: Art-Pop

Das lässt sich von „Are You Haunted?“ ganz und gar nicht sagen. Nun sind es eher die Synthesizer, die dominieren. Zuschreibungen wie „spooky psychedelic rock“ oder „Art-Rock“, wie sie in der kritischen Rezeption in der Vergangenheit getroffen worden sind, taugen nicht mehr. Jake Webb gehört zu jener Sorte Musiker, die sich nicht auf einen Sound festlegen lassen. Art-Pop passt nun schon eher. „Ghosting“, der erste Song, ist im Kern eine dramatische Klavierballade. Die exaltierte, androgyne, ein wenig quäkig hohe Stimme Webbs, die an eine bestimmte Art des Singens in der Ära des New Wave in den 80ern erinnert, präsentiert sich hier in der Altlage. Klaustrophob-düster der Sound.

In abruptem Stimmungswechsel geht es zu „Proof“, der vorab veröffentlichten Single. Hier ist der erste Gastauftritt in der Bandgeschichte zu verzeichnen. Das musikalische Gemüt der ebenfalls in Perth beheimateten Stella Donnelly harmoniert prächtig mit der gesteigerten Poppigkeit. Das ganze Album ist bestimmt von einer Dramaturgie der Wechselbäder zwischen Psychedelia und einer sagen wir: skeptischen Euphorie. In der Nummer „Something to Worry About“ setzt der Chor dem Sänger ein „Nothing to worry about“ entgegen. Die Rolle des Chores in seinen Songs hat Webb mit jener im griechischen Drama verglichen. Ebensogut jedoch lässt sich von einem inneren Dialog sprechen. „Kids on Holiday“ ist eine melancholisch-utopische Fantasie um einen globalen politischen Umsturz zum erlösend Guten hin – die Kinder rufen bloß noch nach Eiskrem, die Proteste in Sachen Klima haben sich erübrigt.

Es geht hier schon um die großen Dinge. „Castigat Ridendo Mores“, so der Titel eines episch angelegten Songs zum Schluss hin, meint im Lateinischen: Gepflogenheiten lassen sich aushebeln, indem man sie lächerlich macht – der Urgedanke der Satire.

Als sein bisher unpersönlichstes apostrophiert Jake Webb im Übrigen dieses herausragende Album, in schalkhafter Umkehr des plattesten aller Popmarketingsprüche. Amüsant – doch er meint das auch ernst und spricht davon, er habe sich aus seinem Habitat herausbewegen und mehr danach schauen wollen, was da draußen vor sich geht. Fragen hätten ihn umgetrieben wie jene, wieviel Macht der einzelne tatsächlich über sein Leben habe, welche Freiheiten ihm Politik und Kultur tatsächlich lassen.

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