Nick Holmes von Paradise Lost.
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Nick Holmes von Paradise Lost.

Paradise Lost und Pallbearer

Was Metal leistet

  • vonNicklas Baschek
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Die Metalband Paradise Lost hat großartige Songs, aber auf der Bühne in der Frankfurter Batschkapp passiert nicht viel.

Es ist sicherlich seltsam, der Hauptact zu sein, und mindestens zu ahnen, dass die eigene Vorband die Attraktion ist. Paradise Lost sind seit fast 30 Jahren eine der einflussreichsten Bands in dem Metal, der sich mit dem Trüben befasst, der der Melancholie mehr Raum einräumt als der Rage. Doom und Gothic und Death Metal klängen ohne sie anders. Und sicherlich hat auch die grandiose Vorband Pallbearer mehr als eine Idee Paradise Lost zu verdanken. Aber von Anfang an.

Das Konzert ist in der Multifunktionshalle Batschkapp, da gab es mal eine große Tradition und überregionale Bedeutung. Das muss man wissen. Die Menschen in schwarz, klar, das Durchschnittsalter Ende dreißig. Vor mir steht ein Mann, ein T-Shirt von Kvelertak über einem karierten Hemd, kurze Ärmel. Einem anderen steht Accept the pain auf den Rücken geschrieben. Aber eigentlich sind alle gut drauf. Es bodenständig zu nennen, klingt gehässiger, als es gemeint ist. Denn es ist wirklich eine supernette Atmosphäre hier.

Bei der ersten Band Sinistro steigert sich die Sängerin im letzten Song in Rage, sie simuliert einen epileptischen Anfall, einen Krampf, den Todeskampf? Irgendwann liegt sie am Boden. Die Musik ist zu Ende, es kommt Flamenco aus den Boxen, sie steht auf, winkt ins Publikum, sie lächelt, alle lächeln. Metal als großes Theater. Bloß keinen Bekenntniszwang zeigen zur ungefilterten Wahrheit.

Die Umkehrung von Milli Vanilli 

Paradise Lost sind zumindest an diesem Abend die Umkehrung von Milli Vanilli. Sie haben großartige Songs, aber auf die Bühne kriegen sie das null. Nick Holmes, der Sänger, will hier nicht sein, das ist völlig eindeutig. Er sagt: „Guten Abend, Frankfurt.“ Alle jubeln.

Das Leben als Kultband muss anstrengend sein. Immer wieder das Ganze, immer sind alle begeistert. Völlig egal, was auf der Bühne passiert. Und es passiert ja nichts. Ein Mann tanzt mit seiner Freundin. Also er schiebt sie von hinten herum, während er seinen Arm um sie gelegt hat, Bier in der Hand.

Pallbearer sind zwar auch eine Band, die aus dem Doom Metal kommt, also mit langsamen Strichen Gitarrenwände hochzieht, und doch geht es hierbei um ganz andere Gemütszustände. Sie haben in etwa den schönsten Gitarrenklang der Welt, warm, hell, manchmal beruhigend und sanft brummend. Man könnte meinen, der Metal befasste sich von Natur aus mit dem Dreckigen und Verrußten, er würde manchmal vielleicht Euphorie am Ende der Raserei entdecken, so wie der Black Metal Deafheavens, aber um Schönes ginge es nie. Und wenn doch, dann im Kitsch. Bei Pallbearer gibt es das Dunkle eigentlich gar nicht. Da ist nur Schönheit. So klingt Metal für Verliebte. Wir gehen Hand in Hand, durch die Sonne im Oktober.

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