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Melodien für Millionen

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Von: Thomas Stillbauer

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Lieb geworden, aber nur ein bisschen: Robbie Williams.
Lieb geworden, aber nur ein bisschen: Robbie Williams. © Sony Music

Popstar Robbie Williams hat für sein neues Album den großen TV-Unterhaltungsabend von einst in Musik übersetzt: „The Heavy Entertainment Show“.

So eine Musikkritik ist ja immer eine heikle Sache, besonders bei Platten, auf die die ganze Welt schon mit gezückten Ohrhörerstöpseln wartet. Es geht hier schließlich um das elfte Studioalbum von Robbie Williams, und die vorigen zehn waren alle auf Platz 1 in so ziemlich allen europäischen Charts. Man muss schnell urteilen. Man hat keine Zeit, die Lieder in Ruhe 37 Mal zu hören. Aber was sich spontan sagen lässt, so ganz aus der Hüfte geschossen, nach höchstens sieben Mal: gutes Ding, rundes Erlebnis. Richtig gelungen.

Bei aller Wertschätzung ist nämlich zu bedenken: Robbie Williams, einst Britanniens Boygroup-Star bei Take That und Anlass für weltweite Teenager-Suizidgedanken bei seinem Ausstieg aus der Combo – der hat eigentlich seit Jahren keine Melodie mehr abgeliefert, die an Hymnen wie „Angels“ (1997) oder „Feel“ (2002) heranreicht. Die letzte Spitzenreitersingle in der britischen Heimat ist auch schon vier Jahre alt („Candy“), in Deutschland sogar sieben („Bodies“).

Kann das neue Album mehr? Bei aller gebotenen Zurückhaltung (siebeneinhalb Mal): ja. Williams hat sich mit Songschreiber Guy Chambers versöhnt und die Plattenfirma gewechselt, nach fünf Jahren bei Universal nun hin zu Sony Music. Die Vorabsingles „Party Like A Russian“ und „Love My Life“ rennen längst wie geschmiert, auch unter den anderen 14 Liedern auf der Deluxe-Version sind einige echte Schönheiten. Das ist umso feiner, wenn man sich schon darauf eingestellt hatte, dass da wahrscheinlich wieder lauter laue Crooner-Mucke kommt oder Bigband-Blabla wie zuletzt. Nein, „The Heavy Entertainment Show“ hat diverse Ansätze für Ohrwürmer, ist aber vor allem abwechslungsreich zwischen Schmissigkeit und angenehmer Coolness – und sie hat auch ein paar witzige Gimmicks wie den Ich-halte-den-Plattenteller-mit-der-Hand-an-Effekt am Ende des herrlich easy und lazy rollenden „Hotel Crazy“. Beim achten Anhören noch herrlicher.

Rufus Wainwright und die Killers haben ein wenig an dem Album mitgearbeitet, Ed Sheeran gab den Retter in einem verzweifelten Moment – als Williams feststellte, oh Gott, er habe ja überhaupt keinen Hit auf dem Album. Sheeran half mit „Pretty Woman“ aus; nicht mit dem 1964er Klassiker von Roy Orbison, nein, mit einem ganz neuen Stück. „Von oben“ sollen sogar Serge Gainsbourg und Sergej Prokofjew ihren Beitrag zur Unterhaltungsshow geleistet haben, also ihre Geister. Zumindest sind weitere russisch anmutende Klänge deutlich zu vernehmen.

„Ich habe über den Begriff ,leichte Unterhaltung‘ nachgedacht“, beschreibt der Star, was ihn antrieb: „All die großen TV-Shows in meiner Kindheit, die von dreißig Millionen Zuschauern gesehen wurden, das gewaltige gemeinsame Erlebnis dieser Momente, die man Light Entertainment nannte“, also leichte Unterhaltung. Für ihn sei das aber stets „Heavy Entertainment“ gewesen, richtig fetter Spaß nämlich, und so etwas soll auch das Album bieten: ein gemeinsames Erlebnis mit Millionen Menschen. „Leichte Unterhaltung … aber auf Steroiden.“

Da sind sie ja endlich, die Drogen. Sie dürfen auch nicht fehlen in den vielen Interviews zum Albumstart – da ist Robbie Williams wieder der böse, böööse Junge mit der wilden Vergangenheit. Aber lieb geworden. Aber nur ein bisschen lieb. Kann jederzeit wieder böse werden. Und neurotisch! „Du bist fett“, sagt er sich dann, oder „du bist 42“ oder: „Der Refrain ist nicht groß genug.“

Erst 42? Tatsächlich. Der Mann ist erst 42 (Quelle: Internet). Nicht, dass er älter aussähe, um Himmels willen, aber ist Robbie Williams nicht schon seit 42 Jahren im Geschäft, die Boygroup mitgerechnet?

Sein neues Album jedenfalls liefert an gleich zwei Stellen Klavier-Anfangsakkorde, bei denen man sofort an das unübertreffliche „Feel“ denken muss; es enthält in „Bruce Lee“ einen richtigen Kracher; in „Sensitive“ einen Tanzschuppenschlager, teils mit modischer Fistelstimme, aber am Ende blöd ausgeblendet. „Motherfucker“ darf doch bitte nicht wirklich an seinen Sohn Charlie (2) gerichtet sein? Doch, ist es. Aber, äh, lieb gemeint. „David’s Song“ ist eine schöne Ballade für den Ex-Manager, Retter und väterlichen Freund David Enthoven, der im August starb.

Und „Marry Me“: Schon klar, was in den nächsten zehn Jahren gespielt wird, wenn er und sie (oder er und er; oder sie und sie) den romantischen Abend ihres Lebens haben. Aber Vorsicht: Geheiratet wird nur auf der Deluxe-Version des Albums.

Robbie Williams:The Heavy Entertainment Show. Sony Music. Verkaufsstart: 4. November.

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