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Reisefertig: Konstantin Gropper.

Popmusik

Der melancholische Handwerker

"Vexations" heißt das neue Album des Popakademie-Absolventen Konstantin Gropper alias Get Well Soon. Das Werk wirkt luftiger und offener als der Erstling. Von Thomas Winkler

Von Thomas Winkler

Eine der dringendsten Fragen der Menschheit ist sicherlich: Wie zum Teufel wird man bloß Popstar? Sollte man seines Instruments mächtig sein? Oder gar nicht singen können? Bringt einen ausufernder Drogenkonsum weiter? Zerlegt man vorsorglich ein paar Hotelzimmer? Es gibt viele Wege, auf denen man im Musikgeschäft zu Ruhm und Reichtum kommen kann. Einer allerdings war bislang weitgehend unbekannt: das Hochschulstudium.

Das zu ändern, das könnte nun Konstantin Gropper gelingen. Der ist der erste Absolvent der Popakademie Baden-Württemberg, der es im real existierenden Popbusiness zu einiger Aufmerksamkeit gebracht hat. Tatsächlich gilt der unter dem Namen Get Well Soon veröffentlichende Gropper gar als Wunderkind, und sein zweites Album "Vexations" wird als Meisterwerk gefeiert.

Die Jahre an der von Xavier Naidoo ins Leben gerufenen und in Mannheim residierenden Schule, darauf legt Gropper einigen Wert, waren zwar kaum der Grund für seinen Erfolg. Solides Handwerk aber hat durchaus eine Rolle gespielt: Aufgewachsen ist der heute 27-jährige Gropper als Sohn eines Musiklehrers im oberschwäbischen Erolzheim. Dort hat er im Alter von fünf Jahren mit dem Cello-Spiel begonnen, lernte dann noch Schlagzeug und Gitarre. In seiner Jugend fand er sich zerrissen zwischen so unterschiedlichen Einflüssen wie den Einstürzenden Neubauten und Richard Wagner, Tom Waits und Ludwig van Beethoven.

Etikett Multiinstrumentalist

Daran hat er sich dann in verschiedenen Schülerrockbands abgearbeitet, bevor er mit Elektronik zu experimentieren begann. Als vor genau zwei Jahren sein so üppig instrumentiertes wie betiteltes Debütwerk "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" herauskam, bewarb ihn die eigene Plattenfirma mit dem in diesem Gewerbe gewöhnlich eher als Schimpfwort gebräuchlichen Adjektiv wertkonservativ.

Den Erstling hatte Gropper, abgesehen von einigen Beiträgen einer Schwester an der Geige und eines Vetters an der Trompete, im Alleingang eingespielt und im Computer kunstvoll zusammengesetzt. Das Etikett Multiinstrumentalist, das ihm daraufhin schnell zuwuchs, wäre er aber gern wieder los. Wirklich gut spielen könne er kaum eines der Instrumente, sagt er heute, und hat deshalb das neue Album mit der Hilfe einer Schar Musiker eingespielt, samt Streichquartett und Bläsersatz. Aufgenommen wurde konsequenterweise nicht im Wohnzimmer, sondern in professionellen Studios.

Trotzdem klingt "Vexations" sogar spartanischer als der überbordende Vorgänger. Das Album wirkt luftiger und offener, und trotz einer immer noch unüberwindbaren Melancholie vielleicht sogar eine Spur unbeschwerter. Und im Vergleich zu dem bisweilen allzu rührseligen Debüt glaubt man nun in Groppers Musik fast Ironie spüren zu können. Da werden die Beatles auf den Jahrmarkt geschickt, die Beach Boys auf den Balkan oder Radiohead endgültig in die Verzweiflung. Das entwickelt immer noch, daran mag der geschulte Handwerker in Gropper schuld sein, mitunter ein leicht kunstgewerbliches Gschmäckle, ist aber schlussendlich sehr stilsicher in seiner ganzen orchestralen Pracht.

Die entsteht nicht zuletzt durch den Einsatz sonst wenig gebräuchlicher Instrumente. Ein Hackbrett ist zu hören, ebenso wie Handharmonium, Xylophon, Marimbaphon und Vibraphon. Um manche dieser Instrumente aufzunehmen, musste der mittlerweile in Berlin lebende Gropper wieder zurück in die alte Heimat reisen. In Ochsenhausen, in der Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg durfte er, dank der alten Beziehungen, einige eher ausgefallene Klangerzeuger benutzen.

Wer genau hinhört kann auf "Vexations" aber auch den Klang eines mit dem feuchten Finger zum Schwingen gebrachten Weinglases entdecken. Das zu spielen, dafür braucht es tatsächlich keinen akademischen Abschluss.

Live: 23.2. München, 25.2. Dresden, 26.2. Köln, 27.2. Haldern, 28.2. Hannover, 2.3. Frankfurt am Main, 3.3. Leipzig, 4.3. Hamburg.

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