Musik

Meilensteine, gefasst in Multicolor-Klang

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Farbiger, charakteristischer, individueller: Das Orchester Les Siècles mit Ravel und Debussy in Wiesbaden.

Rein optisch unterscheiden sich die Instrumente des Orchesters Les Siècles kaum von denen traditioneller Orchester, zumindest wenn die Musiker ein Programm aus Ravel und Debussy vorbereitet haben. Gut, das Kontrafagott ragt in seiner hochgestreckten Bauform schon recht ungewöhnlich heraus, die Posaunen wirken schmaler, die Kesselpauken kleiner. Doch hebt sich Les Siècles erst so richtig ab, wenn der Orchestergründer und -leiter François-Xavier Roth den Einsatz gibt und ein Klang entsteht, der unmittelbar fasziniert. Für Ravel und Debussy haben die Musiker Instrumente aus der französischen Jahrhundertwende in der Hand, die Bauformen unterscheiden sich nicht fundamental. Und doch klingt es hier weit farbiger, charakteristischer, individueller.

Claude Debussys 100. Todestag im März dieses Jahres gab den Anlass für das französische Programm, mit dem Les Siècles jetzt beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus zu Gast war. Zu hören waren dabei ausschließlich Meilensteine der französischen Orchesterliteratur: Von Paul Dukas „Der Zauberlehrling“, von Maurice Ravel das G-Dur-Klavierkonzert und „La Valse“ und von Claude Debussy das „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und „La Mer“ – merkwürdig, dass da doch so viele Plätze im Friedrich-von-Thiersch-Saal frei blieben. Ein besseres Frankreich-Spiel jedenfalls hat man selten erlebt.

Die französischen Jahrhundertwende-Komponisten hatten es traditionell auf die Bläser abgesehen – und die machten bei Les Siècles entsprechend den größten Effekt. Sicher, auch die so sparsam und kontrolliert mit dem Vibrato hantierenden Streicher sind großartig, doch die echten Hinhörer saßen in den Reihen von Holz und Blech: Da knurrt das Kontrafagott grotesk im „Zauberlehrling“, da haben die gedämpften Trompeten einen grellen Jazz-Auftritt im Klavierkonzert. Hinzu kommt, dass François-Xavier Roth ein Fuchs ist, was Detailgenauigkeit auch in der Organisation der Musik angeht. Und hier war es vor allem „La Valse“, das die Ohren öffnete. Den Walzer-Abgesang spann er als feines Netz, selten wird das Chaos so gründlich konstruiert.

Die Solistin im Ravel-Klavierkonzert war die barfüßig auftretende Alice Sara Ott. Sie saß am Steinway, den sie meisterhaft bediente, der aber vergleichsweise kühl blieb in der Multicolor-Kulisse von Les Siècles. Der deutsch-japanischen Pianistin mangelte es keineswegs an Esprit, schon gar nicht an Fingerfertigkeit und rhythmischer Präzision, es war einfach das zu moderne Material unter ihren Fingern, das wenig Charakter bot. Roths flämischer Kollege Jos van Immerseel, der ebenfalls diese Epoche mit Instrumenten der Zeit spielen lässt, hat für seine Ravel-Konzerte einen gut 100 Jahre alten Erard-Flügel am Start. Der liefert eine adäquate Farbe.

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