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Meat Loaf: Es ging um Liebe, es klang verzweifelt

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Von: Sandra Danicke

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Ein großer Musiker ist tot. Über eine Kindheit mit seinem grandiosen Album „Bat out of Hell“. Von Sandra Danicke

Frankfurt - Meat Loaf kam über mich wie eine Naturgewalt. Was umso schwerer wiegt, als ich damals erst acht Jahre alt war. Mein Vater hatte eine Schallplatte mit nach Hause gebracht, sie war glühend orange, und im Zentrum befand sich ein Motorrad mit einem muskulösen Langhaarigen drauf, der den Oberkörper dramatisch zurückwarf. Das Gefährt schien direkt aus einem Grab emporzuschießen. Die Platte hieß „Bat out of Hell“. Das, was darauf zu hören war und seit jenem Tag bei uns rauf und runter lief - meiner Erinnerung nach ging das jahrelang so -, hatte mit dem, was ich bis dahin gehört hatte („In the Summertime“ von Mungo Jerry, „Love Hurts“ von Jim Capaldi) nicht das Geringste zu tun.

Eine Frau wurde angefleht

Hier wurde etwas mit einer Dringlichkeit vorgetragen, die zum Zuhören regelrecht nötigte. Aus dem Gesang sprach eine drängende, ungezügelte Energie, die offenbar unbedingt raus musste. Hier war jemand, der der Welt etwas mitteilen musste, ganz unbedingt. Es ging um Liebe, es klang verzweifelt. Eine Frau wurde angesungen, angefleht, sie sang mit einer gewissen Bestimmtheit zurück. So viel verstand ich auch ohne Englischkenntnisse. Bezwingender als die Stimme war aber noch die Musik in ihrer volltönenden Opulenz.

Meat Loaf 1994 in Bremen.
Meat Loaf 1994 in Bremen. © dpa

Dass „Bat out of Hell“ wie ein Musical aufgebaut ist, konnte ich damals nicht wissen. Kindertheater ging schließlich ganz anders. Ich bemerkte jedoch, dass hier nicht - wie sonst üblich - ein Lied an das andere gereiht war, sondern eines auf das andere reagierte, dass alles mit allem zusammenhing. Die Songs waren wie ein Tsunami: Ruhige Passagen ballten sich zu etwas Drohendem, schoben sich übereinander, explodierten irgendwann in einem bizarren, hochemotionalen Finale. Es war unglaublich, ich tanzte im Schlafanzug, warf mich in Posen der Ekstase und war ergriffen wie noch nie.

Inzwischen ist es über 40 Jahre her, dass ich die Platte zuletzt gehört habe (obwohl sie längst in meinen Besitz übergegangen ist), aber ich weiß all das noch ganz genau, es hat sich in mein Gehirn gebrannt, und wenn zufällig eines der Lieder irgendwo läuft, bin ich noch heute gefesselt (was ich über Jim Capaldi und Mungo Jerry nicht sagen kann). Ich hasse Musicals, aber ich bin fest davon überzeugt, dass mich dieses Album auf eine seltsame Weise geprägt hat.

Dass der Sänger keineswegs dem muskulösen Kerl auf dem Cover ähnelte, habe ich damals auch ohne Internet erfahren. Und ich wusste auch früh, was Meat Loaf bedeutet: Hackbraten. Marvin Lee Aday, so der Geburtsname des Musikers, war wegen seines Übergewichts in der Schule so genannt worden, hieß es. Mir schien es unmöglich, dass er diese Art des Gesangs auch ohne seine Körperfülle hinbekommen hätte. Und ich fand es außerordentlich souverän, dass Meat Loaf diese Spottbezeichnung zu seinem Markenzeichen machte.

Meat Loaf machte mit diesem, 1977 erschienenen Album eine Karriere wie sie nur selten vorkommt. Es stand mehrere 100 Wochen lang in den Charts (88 Wochen in den US-Charts), laut Guinness-Buch ein Rekord. Es verkaufte sich 41 Millionen Mal. Und es schien aus dem Nichts gekommen zu sein. Wobei Meat Loaf in Wahrheit keineswegs aus dem Nichts kam. Er hatte zuvor bereits in dem Musical „Hair“ gespielt. Und er war der unglückliche Eddie aus „The Rocky Horror Picture Show“. Bei der Produktion von „Hair“ hatte Meat Loaf den Komponisten Jim Steinman kennengelernt, mit dem er die Songs für „Bat out of Hell“ schrieb.

Meat Loaf: ein Leben voller Verzweiflung

Natürlich veröffentlichte Meat Loaf, der 1947 in Dallas, Texas, geboren wurde, nach diesem Jahrhundert-Album noch einige andere. Keines davon hat mich wirklich erreicht. Schon gar nicht „Bat out of Hell II: Back into Hell“ mit seinem irren Erfolgssong „I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)“. Es war ein gigantisches Comeback, aber mir gefiel es nicht, zu viel Bombast, zu viel Pathos. Hatte das andere BooH-Album auch, richtig, aber Meat Loaf hatte da noch nicht die Attitüde eines alternden Opernsängers, der es aus schierer Verzweiflung noch mal auf der großen Rock-Bühne probiert.

Ungerecht, ich weiß. Denn tatsächlich war ja sein Leben voller Verzweiflung: Die Mutter früh gestorben, der Vater ein prügelnder Alkoholiker, später dann Nervenzusammenbrüche, Psychiatrie, Alkoholismus, Karrieknicke, Herzkrankheit. Nur fünf Jahre nach seinem unfassbaren ersten Welterfolg ging Meat Loaf bankrott. Er hatte nach einer Welttournee vorübergehend seine Stimme verloren, wurde verklagt, mit der Pistole bedroht. Irgendwie gelang es ihm immer wieder, aus der Misere herauszukommen. Vielleicht zog er daraus auch seine Energie, war all dies die Quelle seiner Kunst.

Jetzt ist Meat Loaf tot, er starb mit 74 Jahren. Er sei auf den Tod vorbereitet, hatte er vor wenigen Jahren in einem Interview gesagt. Nach allem, was wir wissen, wird er nicht mehr auf einem Motorrad aus dem Grab emporschießen. (Sandra Danicke)

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