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"Ich versuche stets, eine maximale Energie zu generieren", sagt DJ Hell.

DJ Hell

"Das war die maximale Provokation"

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DJ Hell über Plattenauflegen im Dreiteiler, den Einfluss von Kraftwerk und ein Autogramm von Franck Ribéry.

DJ Hell, Sie sind DJ, Plattenboss, Produzent und Style Icon. Als Musiker nehmen Sie selbst auch Musik auf. Schreiben Sie dann eigentlich Songs oder Tracks?
Auf meinem neuen Album finden sich fast ausschließlich Songs. In „Car, Car, Car“ geht es um Autos. In anderen Songs geht es um das Erbe und den Erhalt der elektronischen Musik und ihre Verwurzelung in der Gay- und Clubkultur. Ich erlaube mir aber natürlich, diese Songs nach allen Regeln der Produktionskunst bis ins Detail auszugestalten. „Car, Car, Car“ endet mit einem durchstartenden, beschleunigenden Motorengeräusch, das ich im Studio gemeinsam mit Peter Kruder entwickelte. Das ist ein Motorsounddesign, von dem ich mir vorstellen könnte, dass man es eines Tages für elektrische Autos verwendet. Diese Autos sind ja geräuschlos, die surren ja nur.

Und dann muss man den Motorklang eben künstlich dazu geben?
Genau. Bisher hat sich aber noch kein Autohersteller und auch keine Agentur für Auto-Commercials bei mir gemeldet. Aber das kann ja noch kommen. Der Song ist ja gerade erst erschienen. Deshalb heißt das Album ja auch „Zukunftsmusik“!

Sie haben keinerlei Probleme damit, wenn Ihre Musik in der Werbung verwendet wird?
Nein, solange es sich um eine Automarke handelt, die ich schätze, hätte ich mit Werbung kein Problem.

Bisher sind Sie selbst kaum als Texter auffällig geworden, auf Ihrem neuen Album haben Sie alle Texte selbst verfasst. War das eine neue Selbsterfahrung?
Ich habe mich dabei der Burrough’schen Cut-up-Technik bedient, die ja hinlänglich bekannt ist. Man braucht da nur ein Magazin aufzuschlagen, sich interessante Headlines herauszuschneiden, ein paar eigene Ideen hinzufügen, alles auf dem Tisch hin- und herschieben, und dann ergibt sich ein Text von ganz alleine. „Car“ reimt sich auf „Star“, auf „Superstar“ und auf „Megastar“ — „It drives you near or far…“

Musikalisch orientieren Sie sich auf dem gesamten Album einmal mehr an der Musik von Kraftwerk. Sind das Ihre großen Helden?
Ja, das kann man schon so sagen. Ich orientiere mich sehr an dem, was ich „kosmische Musik“ nenne — in Unterscheidung zu dem von den Engländern geprägten und nicht sehr respektvollen Begriff „Krautrock“. Kosmische Musik ist ein viel eleganterer Begriff und trifft die Musik von Kraftwerk, aber auch die von Can oder Neu! viel genauer. Vor allem bin ich aber auch ein Fan von Konzepten Kraftwerks. Kraftwerk haben mich inspiriert, dass man Songs etwa auch in mehrsprachigen Versionen veröffentlichen kann — auf Deutsch, Englisch, Französisch oder auf Japanisch.

Wir warten seit gefühlten 40 Jahren auf das neue Album von Kraftwerk.
Ich mache mir seit Längerem darüber Gedanken, was eigentlich passiert, sollten Kraftwerk einmal nicht mehr performen. Was passiert dann mit den ganzen Sounddesigns und Soundarchiven? Das muss ja an die nachfolgenden Generationen zwangsläufig übergeben werden. Daraus lese ich auch den Auftrag, aus diesem Fundus neue Musik zu erschaffen. Nicht zu kopieren, sondern eine Art music inspired by Kraftwerk zu kreieren, die in ihrer Komplexität anknüpft an das geniale Werk von Ralf Hütter und Florian Schneider.

In Ihrem neuen Song „I Want My Future Back“ sprechen Sie die bemerkenswerten Zeilen: „Der revolutionäre Geist des Techno wird beschützt, bewahrt und weitergegeben.“
Genau, darum geht es. Wir sprechen von Soundarchitekturen oder Sounddesigns, die so wegweisend sind, dass wir diesen Geist weiter erforschen, bewahren und weiterführen müssen.

Das Versprechen eines DJ-Sets ist das Versprechen von Techno: Es kann immer weiter gehen, uferlos.
Dem stimme ich auch nach wie vor zu.

Ein Album hingegen hat eine durch den Tonträger vorbestimmte Länge.
Ich mag nach wie vor sehr gerne CDs mit ihrer Spielzeit von fast 80 Minuten. Ich stelle aber zunehmend fest, dass Menschen gar keine CD-Player mehr besitzen. Ich finde aus anderen Gründen natürlich auch Vinyl nach wie vor total legitim. Vielleicht ist es wichtig anzumerken, dass man früher Songs ja unter anderem deshalb auf dreieinhalb Minuten Länge komponiert hat, weil das die Spiellänge einer Single war — und Bedingung, um im Radio gespielt zu werden. Ich werde aber so oder so nicht im Radio gespielt, also muss ich mir über Songlängen gar keine Gedanken machen.

Sondern?
Mein Medium war immer das DJ-Pult und der Club. Da versuche ich stets, eine maximale Energie zu generieren. So war das bereits ganz zu Anfang, als ich in der Stiege in Trostberg 1976 begonnen habe Platten aufzulegen. Dort lief damals furchtbare Musik oder Rockmusik vergangener Tage. Und wir waren ein DJ-Team, das Punk auflegte, der damals ganz frisch war. Das war unter der Woche auf dem Land in Bayern, es kamen wenige Leute, aber irgendwie waren wir bald erfolgreich mit unseren DJ-Sets. Vielleicht hat mir das damals bereits diese Sicherheit gegeben, Dinge anders machen zu dürfen oder zu müssen, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen.

So wurde aus DJ Helmut dann DJ Hell?
Nein, wir hatten damals alle keine Namen. Nur die Nacht hatte einen Namen. Es gab damals auch stets nur zwei nichtalkoholische Getränke als Gage. Wir haben für umsonst aufgelegt.

Seitdem gingen Sie mit vielen Moden, gaben diesen Ihren eigenen Anstrich und surften durch die verschiedensten musikalischen Subkulturen.
Es geht immer darum neue Musik vorzustellen. Auch als Betreiber von International DJ Gigolo Records ging es mir immer darum, neuer Musik Gehör zu verschaffen. Wir haben damals das Musikgenre „Electroclash“ erfunden und damit eine Art Punkversion der elektronischen Musik. Die Formel lautete: „To go where no man has gone before.“

Welche Rolle spielen andere Szenen wie die Kunst- und Modewelt für Sie?
Diese Szenen sind natürlich immens wichtig. Dabei galt es noch bis vor Kurzem als Ausverkauf, Musik für eine Modenschau zu machen. Ich weiß gar nicht, wer das damals verboten hat. Ich kooperiere schon seit den achtziger Jahren mit der Modewelt. Für Chanel spielte ich in Paris ein extrem roughes, Chicago Acid House Set. Und die fanden es genial. Ich habe dann auch für die Modenschauen von Donatella Versace und Raf Simmons, von Helmut Lang und für Michael Michalski Musik produziert .

Sind die DJ-Sets für Modenschauen immer 20 Minuten lang?
Das sind immer plus/minus 20 Minuten. Es kommt ja auch darauf an, wie schnell die Models laufen. Das Worst-Case-Szenario würde eintreten, wenn einige Models noch auf dem Laufsteg stehen, und die Musik zu früh endet. Es kann immer passieren, dass ein Model zu spät aus der Tür kommt. In Clubs verspüre ich nie einen Zeitdruck. Aber auf Modenschauen ist das anders.

Inwiefern beeinflussen sich Mode und Kunst gegenseitig?
Sehr stark und permanent. Einerseits legen heute alle DJs in Designerkleidung auf, andererseits holt sich die Fashionwelt viele Designimpulse aus der Musik und aus den Clubs. Ich gehörte zu den ersten DJs weltweit, die ganz bewusst schon in den neunziger Jahren im Dreiteiler aufgelegt haben. Das war damals die maximale Provokation. Für mich waren die Modewelt, die Kunst- und die Musikwelt immer untrennbar. Das hatte bereits Andy Warhol lange vorher schon propagiert und zelebriert.

Ausgerechnet an Heiligabend veröffentlichten Sie zu Ihrer Single „I Want U“ ein pornografisches Video mit animierten Zeichnungen des Gay-Künstlers Tom of Finland.
Von dem Video gibt es drei Versionen — eine normale, eine verpixelte und eine Hardcore-Version. In der unzensierten Version wird full contact gezeigt — aber eben von Tom of Finland gezeichnet. Das ist erotic art und keine Pornografie. Aber eine Plattform wie YouTube kümmert sich nicht um künstlerisch wertvoll oder nicht. Dort müssen auch Bleistiftzeichnungen verbannt werden. Wir haben dann aber eine französische Gay-Website gefunden, die sich bereit erklärt hat, das unzensierte Video zu zeigen. Man muss natürlich anklicken, dass man bereits 18 Jahre alt ist.

Tom of Finland ist 1991 gestorben. Wie haben Sie die Rechte bekommen, seine Zeichnungen zur Illustration Ihrer Musik verwenden zu dürfen?
Monatelang haben die sich von der Foundation in Los Angeles auf meine Emails nicht gemeldet. Dann kam meine Pressestelle auf die Idee, man müsse denen feine Brüsseler Pralinen schicken. Also haben wir unseren Mann in L.A. angerufen und der Tom of Finland Foundation Schokolade geschickt. Der Rest war Formsache. Ich flog dorthin, stellte den Leuten das Projekt vor, zeichnete den Vertrag für die Rechte an Toms Zeichnungen und darf jetzt Videos, T-Shirts und andere Artikel mit seinen Zeichnungen machen. Ich bin sehr glücklich darüber, denn für mich ist Tom of Finland einer der ganz großen Pop-Art-Künstler. Und wenn ich es anmerken darf: Der Clip hat jetzt bei YouTube schon über 750 000 Clicks, und wurde sogar zu den Oberhausenern Kurzfilmtagen eingeladen.

Und wie viele Clicks hat die Hardcore-Version?
Keine Ahnung. Aber ich kann es nur empfehlen. Das ist ein fantastisches Video.

Woher kommt eigentlich überhaupt diese explizite Wertschätzung für die Gay-Kultur der frühen House-Szene?
Ich bin ja schon ein älterer DJ und habe die House-Szene in den achtziger Jahren noch miterlebt. Ich war in der Paradise Garage in New York, als Larry Levan aufgelegt hat. Und um mich herum waren natürlich nur Männer, und vor allem hauptsächlich schwarzes Gay-Publikum. House-Musik ist eine Weiterentwicklung der Funk- und Discomusik, wie sie in New York und Chicago Anfang der Achtziger in Gay-Underground-Clubs gespielt wurde. Meine ganze DJ- und Produzententätigkeit und somit eigentlich auch mein ganzes Leben bauen auf dieser Kultur auf. Mein neues Album ist also eine zweifache Respektsbezeugung: einerseits vor Kraftwerk, andererseits vor der amerikanischen Gay-Underground-DJ-House-Kultur. Die wenigsten wissen, dass es 1979 in Chicago die „Disco Demolition Night“ gab, in der aufgebrachte weiße, heterosexuelle Rockmusikfans öffentlich Disco-Vinylschallplatten verbrannten.

Geht es vielleicht auch darum, an eine ansonsten weitgehend unsichtbare Geschichte zu erinnern?
Viele Musiker, DJs und Produzenten sterben irgendwann, und niemand erinnert sich gebührend an sie, weil ihre Kunst flüchtig ist. Ich blicke aber nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit. Ich versuche denjenigen, die wirklich etwas bewegt haben, und die vielleicht kein Mensch mehr kennt, maximalen Respekt zu zollen. Wenn sie noch leben, haben sie vielleicht sogar etwas davon, einen Aufmerksamkeitsschub etwa. Ich bin persönlich ein großer Fan von Ron Hardy, der im Warehouse in Chicago aufgelegte. Ich habe Mitschnitte und Kassetten von seinen Clubabenden und mir sogar Dubplates davon geschnitten, damit ich sie als DJ auflegen konnte. Ich wollte der einzige DJ auf der ganzen Welt sein, der diese Platten spielt. Viele seiner genialen Mixes und Edits sind ja nie veröffentlicht worden. Heute kann man sich das alles auf YouTube anhören. Für mich stehen DJs wie Hardy oder Levan für die höchste Form der DJ-Kunst.

Sie sind aber nicht nur DJ, Sie sind auch Geschäftsmann. Über Uli Hoeneß sagten Sie zu Anfang des Jahrtausends: „Wirtschaftlich ist der Uli Hoeneß sicherlich ein Vorbild.“
Ich habe ihn damals immer um seinen „Deckerlplatz“ beneidet — das waren die Plätze im Olympiastadion, auf denen in der kalten Jahreszeit wärmende Decken ausgelegt waren. Ich habe es in meinem Leben leider noch nicht geschafft, diesen Status zu erlangen. Aber ich habe seinerzeit die DJ-Anlage vom FC Bayern München mit den beiden einzigen Slipmats, die es vom FCB gibt, günstig erstanden. Jürgen Klinsmann hatte sie, was ich ihm hoch anrechne, anschaffen lassen für das sogenannte DJ-Zimmer, damit sich die Spieler zwischen den Trainingseinheiten entspannen konnten. Nach seiner Entlassung hat Luis van Gaal die DJ-Konsole dann aber gleich wieder abgeschafft. Also hat man mich angerufen, ob ich das ganze Equipment nicht einfach haben will. Ich habe dann gesagt, dass ich das schon nehmen würde, aber nur, wenn mir Franck Ribéry ein Autogramm auf den Pioneer-Mixer schreibt. Und das hat er gemacht. Die Anlage steht jetzt bei mir zu Hause.

Aber die Frage richtete sich ja eher nach der Vorbildfunktion von Uli Hoeneß.
Ich bin im Laufe der Jahre ein kritischer Bayernfan geworden. Gerade nach der Affäre um Hoeneß natürlich. Aber auch wegen der allgemeinen Entwicklung im internationalen Fußball. Wenn man einmal hinter die Kulissen des Fußballbetriebs schaut, oder was bei der Fifa seit Jahren abgeht, dann fällt man leider vom Glauben ab. Aber das ist eine andere Geschichte.

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