Mauricio Pollini im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt.
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Mauricio Pollini im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper

Maurizio Pollini in Frankfurt: Klangströmung mit Turbulenzen

  • vonBernhard Uske
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Maurizio Pollini spielt Chopin, Brahms und Schönberg in der Alten Oper.

Geändert worden war das Programm Maurizio Pollinis im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper. Wohl wegen der Konzertdauer-Verkürzungen kamen vor den angekündigten Chopin-Stücken Werke aufs Tapet, für die Pollini einst berühmt war. Ein Starpianist, der sich in den 70er Jahren und auch später noch dem Werk der 2. Wiener Schule widmete und auch bei einem Komponisten wie Johannes Brahms auf Ungewohnteres, Entlegenes wie etwa die späten Intermezzi setzte.

Statt eines großen Schumann-Blocks wurden jetzt die „Intermezzi op 117“ des knapp 60-jährigen Brahms von 1892 und die berühmt-berüchtigten „Drei Klavierstücke op.11“ des 35-jährigen Arnold Schönberg von 1909 geboten. Ein echter Corona-Glücksfall also und auch einer, der den 78-jährigen letzten Überlebenden des italo-avantgardistischen Musik-Triumvirats Nono, Abbado, Pollini in alter Frische zeigte.

Die Intermezzi – jene Abschweifung, Versenkung und gestaltete Melancholie des alten Mannes – sind fünf Jahre vor Brahms’ Tod entstanden. Hier werden motivische Kerne weniger entwickelt, als dass sie sich in den Resonanzen und Repetitionen verlaufen und zerlaufen. Flächige Gebilde, wo mancher Pianist in deren sacht bewegter Statik das Eigentliche dieser Klangwelt sieht. Der Hinter- und Untergrund als Hauptaktion einer faszinierenden, abgedämpften Atmosphäre. Pollini hatte da eine deutlich andere Lesart parat. Von den Motivkernen ausgehend, folgte er deren Spur in der Zerlegung des pianistischen Beiwerks, machte dieses dynamisch stark, so dass das sacht Zerfließende eine mit Turbulenzen ausgestattete Klangströmung erhielt. Sehr rasche Tempi trugen viel zur Plausibilität dieses Vorgehens bei.

Schönberg passte dazu nicht schlecht. Im Gegensatz zu des Komponisten Wunsch ließ der Pianist das Pedal recht umfänglich in Aktion treten, was den Ton dieser expressionistischen Phonogramme latent mit Brahms verband. Vorder- und Hintergrund, Beiwerk und Hauptsache – das gibt es bei Schönberg nicht mehr, wo jeder Ton, jede Tonfigur, jede Gruppe sich gleich nah zum Zentrum verhält. Und bei Brahms, so wie ihn Pollini sieht, scheint sich so etwas schon anzukündigen. Schönberg wiederum klang dabei romantischer als sonst, sein hier klangvoller gegebener Assoziationsradius blieb deutlich auf Korrespondenzen, auf Spannungs- und Lösungszüge gerichtet: Romantik ohne Idiome gewissermaßen.

Energisch ging Pollini mit Chopin um. Die fis-Moll-Polonaise op. 44 hatte Lisztsche Scharfkantigkeit und grelle Farben. Die schaukelnde Fis-Dur-Barcarolle ließ Untiefen hören. Und das cis-Moll-Scherzo op. 39 mit seiner von schwirrenden Hintergrundfiguren umkränzten Choral-Gesanglichkeit machte noch einmal die Spannung Haupt- und Nebensache, Eingebung und Ausstrahlung zum Thema.

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