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Yu-Ling Chiu bei Griffbrett-Aktionen.

Mousonturm

„Matter of Facts“: Licht-Schläge mit Bremstrommel

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Das puristische Musik-Stück „Matter of Facts“ im Frankfurter Mousonturm.

Matter of fact“ heißt eigentlich sachlicher Ton oder Tatbestand. Bei der jüngsten Uraufführung des Mousonturms lag aber durchaus ein Potential von Zweideutigkeit und Verdopplung im Titel der Veranstaltung, „Matter of facts“. Zwei Instrumentalistinnen, 30 Schlaginstrumente, 13 Schlägel-Arten, Bewegungen im Raum, Licht-Materialisationen. Dazu elektro-akustische Vermittlungen. Kein Bild, kein Text – ein strenges, ja karges und in jedem Moment puristisches Szenarium: die Materie der Tatsache, der Gegenstand der Wirklichkeit – fact und matter.

Mit metrischen Ballungen

Der Abend ist gestaltet von Glogowski/Hoesch – Künstlern, die sich im Bereich von Klangperformance, szenografischer Aktion und Environment bewegen. Die klangliche Grundlage des Ganzen stellt Diego Ramos Rodríguez mit einer knapp 80-minütigen Komposition, die sich aller Arten schlagwerklicher Klanglichkeit bedient. Ein Spektrum, das bis zu heftigsten Ereignissen reichte und an Iannis Xenakis und seine bruitistische Ästhetik mit ihren metrischen Ballungen und entperiodisierten Puls-Scharen erinnerte.

Mousonturm, Frankfurt: 10. Februar. www.mousonturm.de

Dass der Komponist sich im Umfeld von Helmut Lachenmann bewegt, konnte der Beginn deutlich machen, wo lange Zeit ein pures Trommeln der Luft durch die bravourösen Yu-Ling Chiu (Taiwan) und Yuka Ohta (Japan) stattfand. Die Atmosphäre schlagen: mikro-akustische Praxis, die zudem in der Nutzung künstlerisch nicht nobilitierter Materialien wie Bremstrommel, Murmeln, Sandpapier oder Unterlegscheiben die Wahrnehmung auf die Rückseite der gebräuchlichen Klangbildung lenkte. Dabei blieben aber typisch brutalistische, einer Maschinenästhetik verhaftete Eindrücklichkeiten außen vor. Eine Sequenz scharfer Bearbeitung eines E-Gitarren-Griffhalses als Schlagwerk hatte metal-artige Züge, bevor Murmeln auf den Saiten-Bahnen wie im Flipper-Automaten als sirrendes Klangwölkchen rollten.

Ein großes, kreisrundes Hybrid-Instrument mit 172 Tasten aus zwei Marimba-, Xylo- und Vibraphonen im Tonumfang von 5 Oktaven hatte Friedrich Hartung, assistiert von Laila Gerhardt, zusammengebaut. Aussehend wie ein Trampolin, dessen Rand die umlaufende Tastatur war. Hier ergaben sich Interaktionen der Musikerinnen im Umrunden des Klangobjekts als Verfolgungen, Kooperationen und Störungen samt durch Lichtsteuerung geführten Prozessen.

Überhaupt Licht: die Wirklichkeit der Materie war im Saal nicht nur Schwingung als Schlag, als Bewegung des geschlagenen Körpers, sondern auch Schwingung in der Luft- und Lichtwelle. In der variierenden Licht-Textur vor allem auf der stoffbespannten Mitte des Tastenkreises hatte der Abend seinen Höhepunkt, in ungeheuren Licht-Schlag-Konvulsionen (Klangregie: Robin Bös).

Wunderbar auch ein zuletzt an unter Stoff verdeckten und reizvoll illuminierten Drum Sets gegebenes machtvolles Duett der beiden Musikerinnen. Wozu eine große Scheinwerfer-Batterie mit ihren Lichtschwingungen den Augen ordentlich eins auf die Netzhaut gab.

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